Vorwort

Niccolò Paganini, wilder Bursche. Wir wären Freunde gewesen und hätten gemeinsam ne grandiose Show hingelegt. Wahrscheinlich war er sogar mal auf dem Kiez und trank sein Bierchen in der Ritze. Christina Geiselhart hat jahrelang in halb Europa recherchiert und ein spannendes Buch über sein verrücktes Leben und seine wilden Konzerttouren geschrieben. Schaut alle rein! Es lohnt sich echt!

– Udo Lindenberg

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1

Genua 1786

„Antonio, fermati … aspetta … halt an, Antonio!“

Antonio war dabei, die schief gepflasterte Via Lorenzo hinauf nach Hause zu eilen. Unwillig drehte er sich um.

„Was ist los, Giorgio?“

„Hier ist ein Freund, der mit dir sprechen möchte!“

Antonio blieb stehen, blickte den Kommenden mit verzerrtem Gesicht entgegen, die Augenbrauen zusammengezogen. Er wirkte gereizt. Giorgio Servetto runzelte die Stirn.

„Was ist in dich gefahren, Antonio? Ich dachte, für Geschäfte bist du immer zu haben.“

„Nicht heute!“, brummte der Angeredete. Er drückte seine Mütze tiefer in die Stirn und sagte mit leise bebender Stimme. „Niccolò ist tot! Ich muss rasch nach Hause.“

„Niccolò? Wie seltsam!“ Giorgio kratzte sich verlegen im Nacken, lüftete die Mütze und fuhr mit drei Fingern durch den dunklen Lockenschopf. „Vor einigen Tagen war er noch putzmunter. Du hast mir erzählt, dass er für einen Vierjährigen erstaunlich geschickt an den Zupfinstrumenten rumfummle, die du vom Hafen bringst. Dabei sehe er so richtig glücklich aus, hast du gesagt!“

„Hm!“, machte Antonio düster und wandte sich mit einem knappen Gruß ab. Giorgio zuckte mit den Achseln. Warum stellt er sich so an, fragte er sich. Jeden Tag sterben Kinder. Im armen Genua krepieren sie wie Fische im Netz. Ich muss ihn ablenken, dachte er, nahm zwei Stufen auf einmal und holte den Freund ein. Überschwänglich rief er:

„Antonio, quanto sei stupido! Die Sache könnte dir Geld bringen. Und Geld magst du doch, Antonio.“

„Ich hab jetzt keine Zeit, Geld zu machen, ich muss an die Beerdigung denken.“

„Das ist ein wichtiger Punkt. Dein geliebter Niccolò soll doch um Santa Maria Willen nicht in den Gruben bestattet werden. Er soll ein echtes Grab haben, eines in geweihter Erde. Ohne einen Batzen Soldi geht das nicht!“

„Gemeiner Hund!“, zischte Antonio und eilte mit großen Sprüngen weiter, an der Kathedrale San Lorenzo vorbei. Geschwind bog er in eine dunkle Gasse und verschwand zwischen den Häusern des Viertels San Andrea. Giorgio Servetto wandte sich zu seinem Begleiter um.

„Tja, vielleicht sollten wir ein paar Tage warten. Sagen Sie es Ihrem Auftraggeber. Wie war doch eben sein Name?“

„Signor Buonarotti.“ Der Fremde zog seine zerzausten Brauen hoch und zischte: „Wir wollen nicht warten.“

„Hm!“, brummte nun Giorgio, legte die Stirn in Falten und riss ganz plötzlich weit die Augen auf, als sei ihm ein Licht aufgegangen. „Ja, Sie haben recht. Wieso eigentlich warten? Bringen Sie die Kisten einfach zu mir. Wir verladen sie dann in der Nacht wie üblich aufs Schiff.“

Der Mann sah Giorgio schräg von der Seite aus verengten Augen an.

„Wir vermeiden Zwischenstationen. Zu viele Eingeweihte, mi capisce? Ich werde einen anderen finden. Erklären Sie das Ihrem Freund.“ Er wandte sich zum Gehen. Giorgio behagte das nicht und er hielt ihn zurück. Er wollte sich um jeden Preis an der Sache beteiligen, wenn auch nicht viel Geld dabei heraussprang. Zwar hatte er noch nie etwas von diesem Buonarotti gehört, aber er wusste, um was es ging, denn er war ja nicht blöd und er war Student. Gescheiterter Musikstudent. Es ging um die Befreiung Italiens. Um die Bildung eines einheitlichen Staates, regiert von den eigenen Leuten. Fort mit den fremden Herrschern, die schon seit Jahrhunderten für ihre Interessen den italienischen Boden zu ihrem Schlachtfeld machten. Spanier, Engländer, Österreicher, alle wollen sich das Land unter den Nagel reißen. Sie alle sollten verschwinden! Dazu rief dieser Buonarotti auf und Giorgio gab ihm recht. Nur Antonio dachte anders. Er fürchtete das Chaos, er traute der einheimischen Aristokratie und dem gehobenen Bürgertum weniger als den Fremden. Antonio nannte die österreichische Regierung weise und erleuchtet. So ein Unsinn, rebellierte es in Giorgio! Antonio ist eben kein Student und versteht die Zusammenhänge nicht. Er denkt wie der einfache Mann und gibt sich zufrieden, weil wir hier in Genua besser dran sind als unsere Brüder in Rom unter dem machtgierigen Papsttum. Dort vegetiert das Volk noch unter mittelalterlichen Zuständen dahin und wird von einer verrotteten Priesterschaft verhetzt, sich ja nicht aufzulehnen, sonst sei das Paradies verloren. Vor einigen Jahrhunderten – das war Giorgio bekannt, denn er besaß in der Tat ein wenig Bildung – hatte die römische Bevölkerung noch manchen Papst auf die Engelsburg oder die abgelegenen Bergschlösser gejagt. Heute traute sich keiner mehr die weihnachtlich geschmückten Gottesvertreter zu verscheuchen. Wollten Italien und die italienische Seele nicht untergehen, musste das Volk aufgerüttelt werden. Buonarotti suchte Anhänger, die der Auferstehung Italiens zum Sieg verhelfen sollten. Italien musste erst geboren werden. Dafür wollte sich auch Giorgio rüsten. Kein Kampf ohne Waffen. Vermutlich verbargen die Kisten, die nach Neapel und Palermo verschifft werden sollten, genau das. Sie waren über den Landweg ohne peinlichen Aufenthalt aus Frankreich gekommen und hatten selbst die üblen Straßen und tückischen Wälder von Marseille bis Genua unbeschadet überstanden. Nun aber lauerten überall Kontrollen. Zu viele Staaten, zu viele Grenzübergänge, zu viele verschlagene Wachposten, deshalb schien der Seeweg am sichersten. Giorgio wunderte sich allerdings, warum die Kisten nicht schon in Marseille verschifft worden waren. Argwöhnisch musterte er den Fremden, der noch immer dastand, zögernd, die Mütze tief in der Stirn, so dass die Augen im Schatten lagen.

„Es wird nicht mehr Eingeweihte geben als es ohnehin schon gibt. Und mein Freund wird mitmachen, sobald er den Schmerz über den Verlust seines Jungen überstanden hat. Fidati di me!“

Antonio Paganini war ein echter Genueser und liebte Geld, das wusste Giorgio mit Sicherheit. Jetzt brauchte er es besonders, da wieder eine Beerdigung bevorstand. Er hielt dem Fremden die Hand hin und sagte:

„Morgen Nacht zur verabredeten Stelle am Hafen! Promesso!“

„Ich verlasse mich darauf!“ Der Fremde drehte sich ohne einen weiteren Gruß um und ging auf den schiefen Pflastersteinen der Via Lorenzo hinunter Richtung Hafen.

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Nachdenklich sah Antonio aus dem Fenster. Das gegenüberliegende schlammfarbene Gebäude lag so nah, dass er es mit der Hand hätte berühren können, wäre das Fenster offen gewesen. Aber es war Februar, die Scheibe beschlagen und seine Laune auf dem Tiefpunkt. „Es heißt, Großherzog Leopold habe in der Toskana Todesstrafe und Folter abgeschafft und er habe Privateigentum dem Volk zugänglich gemacht, den Bauern vom Großteil seiner Fron befreit, damit er langsamer krepiert …“ Er redete nun lauter, um das Gejammer seiner Frau zu übertönen. „Ja, ja, ich bin für Veränderung. Das ist doch klar, aber sie soll friedlich vor sich gehen, in aller Ruhe. Ich will keine Schwierigkeiten, keine Gefahr für meine Familie heraufbeschwören!“

„Antonio, wovon redest du? Was interessiert dich die Politik? Was interessiert das Schicksal Genuas? Das Kind ist tot …“

„Genua ist eine Republik und war immer schon besser dran als die anderen Staaten. Die reichen Grimaldis, Dorias, Balbis haben dazu beigetragen und uns dabei ausgenommen. So ist das eben! Wollen wir uns beklagen? So schlecht wie in Süditalien geht es uns lange nicht.“ Antonios Worte klangen hohl. Es fehlte der Herzschlag, denn er hasste es, in der armseligen Gasse zu hausen, in einem feuchtklammen Wohnkasten zu nisten, Missgeburt italienischer Architektur, durch die übelste Gerüche strömten. Für ihn würden Genuas wunderschöne Winkel, die herrlichen Hänge und malerische Viertel auf immer verschlossen bleiben. Dort wohnten die Dorias, Grimaldis und ihresgleichen. Er gehörte nicht dazu und konnte sich wenig Hoffnung machen, jemals dazu zu gehören.

„Antonio! Marito! Was gehen sie uns an? Das Kind ist tot …“, wiederholte Teresa tonlos und endlich kehrte Antonio seiner Frau das Gesicht zu. Sie war eine gute Frau, gute Katholikin, gute Italienerin, von kleiner Gestalt, die durch das schwere Haupthaar noch gedrängter wirkte. Sie hatte schwarze Augen, eine spitze, sehr lange Nase und das Kinn einer Eule. Vielleicht liebte er sie, vielleicht auch nicht. Jedenfalls sorgte er für sie und die Kinder.

Teresa schluchzte. Allmählich löste sie den traurigen Blick vom reglosen Körper ihres Sohnes und sah zu ihrem Mann. Sie verabscheute seine dummen Reden, wollte er damit doch nur von seinem Schmerz ablenken, denn auch er litt, wenn er es auch nicht zeigte, der strenge Mensch mit den finsteren Augen, die im Widerschein des milchigen Tageslichtes weiß funkelten. Sie starrte an ihm vorbei auf die schmutzige Fensterscheibe. Dort meinte sie, ein Blatt zu erkennen, das langsam in Stufen durch die Luft zur Erde sank. Sonderbar, dachte sie. Da schwebt vom nasskalten Februarhimmel ein Olivenblatt. Es schwebt in diese schmale Gasse, in der kein einziger Baum wächst, fliegt vor das Fenster des schäbigsten Hauses. Nichts blühte in diesem finsteren Viertel, nur Unkraut drängte sich durch die Ritzen der Steinquader und Mauerrisse. Wenn hier ein Lebenslicht erlosch, wunderte sich niemand.

Ihr Mann, Francesco Antonio Paganini, kam auf sie zu. Er hatte einen kantigen Kopf, dichtes struppiges Haar und die schmalen Lippen eines verbitterten Menschen. Und er stank nach Knoblauch. Als Teresa ihn 1777 in einer der schönsten Kirchen Genuas, der Chiesa delle Grazie, geheiratet hatte, war er dreiundzwanzig und seine Lippen hatten die Form eines Kusses. Teresa konnte nicht lesen, aber sie erkannte Zahlen. Dreimal die sieben war ein gutes Zeichen und darum hatte Teresa befunden, dass sich unter der harten Schale ihres finsteren Mannes ein guter Kern verstecken
musste.

„Wieder ein totes Kind!“, murmelte er, während er zum Bett schritt. Er schob das Leintuch über das Gesicht des Vierjährigen und bekreuzigte sich. Teresa schluchzte auf.

„Angela ist kaum begraben und schon müssen wir den Jungen hergeben. Heilige Mutter Gottes, Santa Maria, was habe ich getan?“ Teresas Gesichtsfarbe war nun bräunlich blass und krank, ihre lebhaften schwarzen Augen wirkten stumpf, ihr Atem ging flach.

„Nichts Schlechtes hast du getan, Weib! Nur warst du so dumm, an den Humbug deines Heilands zu glauben. Hat er dir nicht im Traum prophezeit, unser Sohn würde ein großer Geiger werden? Wie du siehst, wird unser Sohn nicht einmal groß.“

„Antonio! …“, wimmerte sie und warf die Arme in die Luft. „Antonio! Nicht schreien … bitte nicht schreien …!“

„In unserer Stadt sterben die Kinder wie Fliegen, während sich die Spinolas und Dorias bester Gesundheit erfreuen. Überall lauert diese verdammte Krankheit, vor der wir unsere Türen nicht verschließen können, weil wir nicht die passenden Pforten haben wie die Reichen. Aber Dreck ist genug da, den Tod anzulocken. Weiß der Teufel, wie diese Krankheit heißt. Tückisch, tückisch, denn wer achtet auf Flecken im Mund und hinter den Ohren. Wir haben alle Flecken. Überall haben wir Flecken. Schau dich an, Weib. Siehst ganz scheckig aus.“

Resigniert ließ die Frau ihre Arme sinken. Obwohl noch jung, wirkte sie erschöpft. In ihrem Haar schimmerten Silberfäden, es hatte seine Spannkraft verloren und das Strahlen ihrer Augen war erloschen. Hilflos sah sie zu ihrem Mann. Dieser drehte sich wieder zum Fenster. Er öffnete die Scheibe und blickte suchend hinunter.

„Der Dottore wollte noch einmal kommen. Ich sehe ihn nicht, und es ist ja auch egal. Was wir brauchen ist ein Priester.“

„Antonio!“, jammerte die Frau von neuem. „Du sprichst vom Teufel und von Flecken und ob der Dottore kommt ist dir egal. Antonio, du bist kein guter Mensch.“

Teresas Blick wanderte an den schimmeligen Wänden hinauf, über die armseligen Möbel zu dem rostigen Bettgestell, auf dem ihr Sohn lag und sich nicht mehr rührte. Zitternd trat sie näher. Nachdem sie den verhüllten Körper eine Weile angestarrt hatte, zog sie vorsichtig das Tuch vom Gesicht. Beim Anblick der reglosen feinen Züge zuckte sie zurück, fiel vor dem Jungen auf die Knie, faltete die Hände und betete mit monotoner, kraftloser Stimme mehrere Rosenkränze. Ihr Gemurmel und ihr Schluchzen gesellten sich zum Klang der eiligen Schritte des Dottore, die in der gepflasterten Gasse wie Pferdegetrappel hallten. Antonio rief ihm vom Fenster aus zu.

„Parieren Sie zum gemächlichen Schritt durch, Dottore! Es ist nicht mehr viel zu reparieren.“

„Mi scusi?“ Sein bleiches Gesicht blickte auf, dann verschwand er im Hauseingang. Antonios Rat hatte er nicht befolgt, denn er sprang regelrecht die Stufen zum oberen Geschoss hinauf.

„Verzeihen Sie die Verspätung, aber meine Kutsche ist in der Gasse stecken geblieben und ich musste durchs Dach hinausklettern wie eine Katze!“, röchelte er, wobei er den Hut abnahm.

„Madre mia, Dottore! Wer brachte Sie auf die einfältige Idee, eine Kutsche durch die Passo del Gatto zu quetschen? In Genua gibt es nur zwei Straßen, die breit genug für Kutschen sind. Hier kommen gerade mal eine Katze durch oder ein Rudel Ratten, guter Signore.“

Verlegen drehte Dottore Gambaro den Hut in seiner Hand und antwortete schief lächelnd:

„Ich wollte einfach ein Exempel statuieren. Man muss der äußeren Macht mit innerer Stärke trotzen. Die Kraft der Gedanken kann Wände durchbrechen, nicht wahr?“ Er atmete vorsorglich durch den Mund, denn der Gestank war unerträglich. Antonio quittierte seine absonderliche Rede mit einem verächtlichen Zucken seines Mundes und wies auf den verhüllten Körper des Jungen. Erstaunt trat Gambaro ans Bett des Vierjährigen. Damit, dass er schon tot sein könnte, hatte er wahrhaftig nicht gerechnet. Wohl war ihm beim letzten Besuch neben der Masern­erkrankung eine Entzündung des Rückenmarkes aufgefallen weshalb er entzündungshemmende Pflanzenextrakte verschrieben hatte. Heute hatte er eine kleine Dosis Chinin mitgebracht, um dem Masernvirus den Garaus zu machen. Teresa machte dem Arzt Platz, der sie voller Mitleid musterte. Vor knapp einem Jahr war die einjährige Biagio gestorben, und erst vor zwei Wochen musste sie Angelina, Niccolòs jüngere Schwester, begraben. Der zweijährige schmächtige Körper hatte den Kampf gegen Masern, Dreck und Feuchtigkeit verloren. Niccolò hingegen war älter und schien, trotz seiner schmächtigen Statur, sehr zäh zu sein. Teresa hatte hektisch das Leintuch hochgezogen, aber nur die untere Gesichtshälfte bedeckt. Niccolòs Gesicht sah tatsächlich wächsern aus wie das eines Toten. 

„Schlimmer als es ist, kann es nicht werden!“, flüsterte der Vater trocken. Der Dottore schüttelte den Kopf. Dann beugte er sich hinab, drückte sein Ohr auf die Brust des Jungen und runzelte die Stirn. Er befühlte die Pulsadern und wackelte mit dem Kopf, kramte einen Spiegel hervor und hielt ihn dicht an die Nase des Kindes. Im Raum war es atemlos still. Teresa zitterte am ganzen Leib, während ihre Lippen unablässig das Ave Maria murmelten. Der Vater stand stocksteif, wobei sein glühender Blick jede Bewegung des Arztes verfolgte. Als dieser den Spiegel betrachtete, konnte er einen schwachen Ring Feuchtigkeit entdecken. Er kniff die Augen zusammen und hielt den Spiegel nochmals hin. Nachdem er einen zweiten schwachen Ring wahrgenommen hatte, knöpfte er Niccolòs Hemd auf, legte sein Arzt­ohr erneut auf die Brust des Jungen und hielt den Atem an. Eine Minute verstrich, bevor er sich aufrichtete und den Eltern einen vorwurfsvollen Blick entgegenschleuderte.

„Sie wollten also das Kind lebend begraben? Was für eine Sünde!“

Teresa brach in lautes Schluchzen aus, sank erneut in die Knie, hob die gefalteten Hände. Der Vater sprang auf den Dottore zu und hätte ihn am Kragen gepackt wäre, der Mediziner nicht geschickt ausgewichen.

„Nehmen Sie sich zusammen, Signor Paganini! Sein kleines Herz ist schwach, aber nicht tot. Die Atmung flach, aber nicht still. Er ist in ein leichtes Koma gefallen, der geschwächte Junge.“ Furchtlos ging der Arzt nun auf Herrn Paganini zu. Streng bannte er ihn mit seinem unerbittlichen Blick. „Helfen Sie ihm, wieder auf die Beine zukommen, statt ihn bei der ersten Reglosigkeit einsargen zu wollen. Geben Sie ihm sorgfältig alle Medikamente, die ich ihm verordne, und lassen Sie ihn keinesfalls aus dem Bett. Er braucht Wärme, Medizin und Ruhe, verstanden?“ Nebenbei dachte er: Und mehr Hygiene würde ihm nicht schaden. Aber das war ein frommer Wunsch. In ganz Genua hatte er keine saubere Bleibe gesehen. Wo er auch hinkam, versanken die Wohnungen in schmierigem Dreck, stank es in den Treppenhäusern nach Urin, Kot, in den Küchen nach ranzigem Fett, in den Schlafkammern nach Sperma und Erbrochenem. Auf den Holzböden rutschte man aus, weil ihn jeder Mann mit seinem oralen Auswurf besudelte. Allein auf den Anhöhen der anmutigen Genueser Bucht oder entlang der Nuova Strada thronten wunderschöne, von zahlreichen Domestiken in Schuss gehaltene Villen. Gambaro blickte Antonio lange an. Dieser nickte beherrscht, Teresa schluchzte und lachte in einem.

„Maria benedetta! Wir brauchen keine Beerdigung zu bezahlen. Angela wurde außerhalb der Stadtmauer in einer Gemeinschaftsgrube in Meeresnähe bestattet. Bei dem Mädchen war es nicht so schlimm, aber für Niccolò hätte ich ein Grab und einen Sarg bezahlen müssen. Ich habe doch nur zwei Söhne und auf ihn setzte ich meine elenden Hoffnungen.“

„Reden Sie nicht so gottlos! Trinken Sie einen Vino rosso und kommen Sie am Samstag zu unserer Versammlung an der Piazza Maddalena Nr. 3. Dort wird über die Zukunft unserer Halbinsel nachgedacht. Endlich, möchte ich sagen. Die Zeit ist reif! Sie wissen sicherlich, was im Königreich Sizilien los ist. Vizekönig Caracciolo will dem Ancien Régime endlich ein Ende bereiten. Als ehemaliger Botschafter in Paris hat er einiges aufgeschnappt. Dort brodelt es gewaltig, Signor Paganini! Ich sag Ihnen, wir werden in ganz Italien die Auswirkungen spüren: Sehr viel weniger Macht der Kirche, gerechte Aufteilung der Steuerbelastung, was unseren feinen Herren und Gottesdienern nicht passen wird. Il vento cambia!“

„Aber Dottore, wissen Sie es nicht? Caracciolos Amtszeit wird ein Riegel vorgeschoben! Sein eiliges Reformkonzept geht der Noblesse gegen den Strich. Überhaupt brauchen Reformen Zeit. Das Volk versteht sonst nicht, was los ist, und die Aristokraten regieren fürchterlich brutal, wenn sie ihr schönes Leben gefährdet sehen. Überhaupt: Was geht uns Sizilien an. Wir leben in der Republik Genua. Unser Volk ist schläfrig und will seine Ruhe haben!“

„Signor Paganini, Ihre Skepsis gefällt mir gar nicht. Gehen Sie forscher an die Dinge heran. Wie ich, amico! Nehmen wir noch einmal mein statuiertes Exempel von vorhin: Warum sollte ich nicht eine Kutsche durch die enge Passo del Gatto quetschen? Warum sollte sich Italien nicht aus seinem Nest von Nattern triumphierend herauswinden können? Die Lombardei, die Toskana und wie gesagt Sizilien haben Reformen erfahren, auch wir Genueser werden es schaffen. Es ist unsere Pflicht, dieses Land aus dem Sumpf zu ziehen.“

„Sumpf? Erlauben Sie, dass ich lache! Ihr Mediziner denkt gleich an die schlimmsten Krankheiten. Wenn einer hustet, vermutet ihr Schwindsucht. Chiaro, auch ich ärgere mich über unser erstarrtes System und die Privilegien der Noblen. Aber im Großen und Ganzen haben wir in Genua wenig Grund zur Klage.“

„Santa Maria, sind Sie kurzsichtig, Signor Paganini! Italiens Situation ist fatal. Sie ist der französischen nicht unähnlich in ihrer Bedrängnis, wenn auch die italienische Bedrängnis eine ganz andere ist! Heute drängen sich auf engem Raum absolutistisch-feudale Mittel- und Kleinstaaten, habsburgerische und bourbonische Dynastie, der Kirchenstaat Rom und …“

„Genua und Venedig sind Republiken …“

„Aber was für welche, Signor Paganini! Genua zumindest ist ein verstaubtes Regime nach aristokratischem Muster. Dagegen müssen wir angehen. Kompetente Leute müssen die Geschicke unseres Landes in die Hand nehmen, müssen die Wiege betten, in der ein junges Italien heranreift. Beteiligen Sie sich am Samstagabend an unserer Versammlung. Dort wird Ihnen ein Licht aufgehen. Das Licht der Revolution. Es scheint in die hintersten Ecken. Unsere Wirtschaft ist rückständig, die Bevölkerung wächst, obwohl viele nichts zu beißen haben, das kulturelle Leben stagniert. Die Pyramide wird nach unten immer breiter und ihre Spitze dünner. Und mit welcher Art von Arbeit halten sich die meisten Leute über Wasser? Na? Mit Bettelei, Betrug, Fälschung, Schmuggel …“

„Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung.“ Antonios brennender Blick schnitt dem Arzt das Wort ab. Entschuldigend lächelnd nahm dieser seinen Hut. Er drehte ihn verlegen in der Hand und suchte nach ein paar versöhnenden Schlussworten:

„Jedenfalls wissen auch Sie, dass es nicht so weitergehen kann, denn Sie sind ein kluger Mann. Es muss Ihnen, wie jedem vollblütigen Italiener, eine Herzensangelegenheit sein, Italien zur Geburt zu verhelfen. Italia, Italia, mio amore!“, schrie er und stieß die Faust in die Luft. „Fort mit den Besatzern …!“

Antonio unterbrach ihn verärgert:

„Was Sie sagen, hört sich nach Kampf an, und ich mag das nicht. Ich will keine Unruhe im Land.“

„Santo padre, Signor Paganini. Sie sind eine harte Nuss. Ich lade Sie doch nicht zu einer Versammlung streitsüchtiger Buben ein. Die meisten sind studierte Leute wie ich. Unser Vorsitzender hat Literatur und Jura studiert. Kommt aus Pisa wie Michelangelo und ist ein feuriger Bewunderer Rousseaus, des Freidenkers. Sie wissen doch, Signor Paganini, die Aufklärung, les années des lumières.“ Er sprach den französischen Satz mit stark italienischem Akzent aus. Antonia blickte ihn finster an, doch nichts in seinem Ausdruck deutete darauf hin, ob er irgendetwas verstanden hatte. Lumières“, murmelte er nach. Gambaro griff das Wort nochmals auf und fügte an:

„Esattamente, Antonio Paganini! Sie haben’s begriffen. Ans Licht, an die Sonne, heraus aus den Kellern der Unwissenheit und Unterdrückung!“

„Hm“, brummte Antonio. „Mache ich mich dabei nicht strafbar? “

„Ach, was! Im Gegenteil. Es ist die Pflicht des gebildeten Italieners zu reagieren. Und zwar jetzt, wo sich die Flamme der Freiheit auch in anderen Ländern entzündet. Kommen Sie! Ja, kommen Sie gleich heute Abend. Avanti popolo! Filippo Buonarotti ist heute Abend persönlich anwesend, während er bei der nächsten Sitzung vertreten wird.“ Dottore Gambaro setzte seinen Hut wieder auf, verneigte sich vor Signora Paganini, wies mit strengem Blick auf die Medikamente und strebte hinaus.

Sekundenlang betrachtete Antonio seinen reglosen Sohn. Dann schloss er die Augen, setzte sich auf die Bettkante, strich über die verhüllten Beine des Jungen und grübelte. Es passte ihm nicht, dass der Dottore die Schmuggelei erwähnt hatte, weshalb er auch geneigt war, an dessen Diagnosen und Prognosen grundsätzlich zu zweifeln. Ob politisch oder medizinisch. Konzentriert hefteten sich seine Augen auf das Kind. Starr wie ein Toter lag es unter dem fleckigen Laken. Lebte er tatsächlich? Hatte sich der Dottore nicht getäuscht? Nichts hatte sich verändert. Und Teresas gerunzelte Stirn bestätigte ihn in seiner Vermutung, dass der Tod hämisch grinsend am Fußende des Bettes saß und auf seinen Einsatz wartete.

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Ich kann euch nicht sehen, doch ich kann euch fühlen. Mamas weiche Hand, die mein störrisches Haar aus dem Gesicht streicht. Ihre Finger sind zart, aber zittern, weil sie die Temperatur meiner Haut fürchtet. Ist sie vielleicht kalt wie der Tod? Sie tastet über meine Nase, meinen Mund, meine Stirn und dort spüre ich nun ihre kühlen Lippen.

Ich kann euch auch hören. Es ist schon sonderbar, aber meine Ohren nehmen das leiseste Geräusch auf, in den feinsten Tönen. Ich höre Stimmen, die zu Melodien werden. Sie schwingen hoch hinauf, brechen sich und fallen, fallen wie Blätter … setzen sich sanft auf meinem Bett nieder, wanken auf dem grauen Laken. Schwarze und weiße Fragmente der Melodien. Könnt ihr nicht sehen, wie sie einander suchen? Könnt ihr nicht sehen, wie sie sich finden auf einer schlangenförmigen Linie, die nach unten, dann nach oben schwingt? Viele winzige schwarze Köpfchen schmiegen sich aneinander, halten sich gegenseitig an ihren dünnen schwarzen Ärmchen fest, lassen sich los, machen da und dort einem hellen, ruhigen Köpfchen Platz, um sogleich in die Höhe zu springen, wo sie wild durcheinander wirbeln, bis sie in Reih und Glied stehen und mich mit ihren schwarzen Augen ansehen. Jetzt singen sie. Hört ihr sie nicht?

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Das alles geht nicht mit rechten Dingen zu, dachte Teresa, doch ich will nicht undankbar sein. Santa Maria hat den Dottore durchs Dach der Kutsche klettern lassen, um uns zu sagen, dass Niccolò leben wird.

Akribisch befolgte sie nun seine Verordnungen. Sie massierte den Brustkorb des Jungen, seine Beine, bettete ihn weich, betupfte seine Stirn mit belebendem Öl und ganz allmählich spürte sie, wie sich das junge Leben unter ihren Händen wieder regte. Ihr olivenfarbenes Gesicht hellte sich auf, in den stumpfen Augen erwachte der alte Glanz. Antonio hielt sich in einiger Entfernung auf und beobachtete die Szene. Dann glitt sein Blick über die Wände des Zimmers, über die grauen Flecken, schwarzen Löcher, die dünnen langgezogenen Risse. Schimmel wuchs unter den Deckenbalken. Fedrige Fäulnis bildete sich in den Wohnzimmerecken. Es stank nach Abfall, Urin, nach ungewaschenen Menschen, nach altem Knoblauch und verfaulten Zwiebeln. Augenblicklich mischte sich der Geruch von würzigem Öl und Kräutermedizin darunter. Er hasste diese erniedrigende Behausung. Er träumte den vergeblichen Traum von einem Häuschen in einem der Flusstäler Polcevera und Bizagno. Ein heftiger Ruck durchzuckte ihn, ließ ihn hochfahren. Er ging über die Schwelle und schlug laut die Tür hinter sich zu.

2

Der Vorsitzende erweckte Antonios Vertrauen. Seine Ideen begeisterten, seine Sprache war besonnen und seine Denkweise eher traditionsgebunden als revolutionär. Er sprach von ganz konkreten Problemen. Ständig steigenden Brückengeldern, Zöllen, Privilegien der Clans, von der Vielfalt der Währungen. Solange wir alles widerstandslos hinnehmen, kann nichts anders werden, sagte er und griff weit zurück in Italiens Geschichte. Antonio, der trotz bescheidener Herkunft ein wenig Bildung besaß, hatte den Eindruck, zum ersten Mal tiefgreifende Dinge über sein Land zu erfahren, über seine Menschen, über seine Leiden.

„In den kleinen Dingen offenbart sich das Unheil des ganzen Landes. Um sie müssen wir uns kümmern, die kleinen Wunden müssen wir heilen, um ein gesundes Ganzes zu schaffen. Nicht zupflastern, nicht übertünchen. Nein! Den Bazillus ausmerzen und etwas Neues gestalten. Unser Konzept ist ein unabhängiges, von fremder Herrschaft befreites Italien, wir streben eine politische und wirtschaftliche Einheit aller fortschrittlichen Staaten unserer Halbinsel an. Dieses Ziel soll uns leiten und in den kleinen Dingen unser Richtmaß sein. Schritt für Schritt voran und keinen einzigen Schritt zurück. Es ist an uns, die wir gebildet sind, dieses Ziel, diese Botschaft, unters Volk zu tragen, das kaum lesen und nicht schreiben kann.“ Ernst blickte der Redner in die Gesichter der Zuhörer. Der stattliche Mann mit der hohen Stirn, den strengen Augen und dem energischen Mund sprach aus, was Antonio dachte. Dieser Mann hatte eine sorgsame, friedvolle Veränderung im Auge. So jedenfalls fasste Antonio seine Sätze auf und voller Bewunderung blickte er hinauf zu dem stattlichen Herrn, dessen dichtes schwarzes Haar den Denkerschädel noch ganz bedeckte. Zwar war sein Kopf quadratisch und saß auf einem kurzen Hals, der durch die modische Halsbinde noch kürzer wirkte, aber daran störte sich Antonio nicht. Es gab wenige harmonisch aussehende Menschen. Sehr wenige. Man konnte sie an fünf Fingern abzählen.

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„Niccolò lebt!“, brüllte er am frühen Morgen des nächsten Tages seinem Freund entgegen. Hier am Hafen entfaltete die Sonne ihre ganze Kraft und durchströmte die kalten Monate mit ihrer Wärme. Sie spiegelte sich im ­glitzernden Meer, in den feuchten Dohlen der Landungsstege, im schmutzi­gen Weiß der niedrigen Gebäude. Antonio sprang über ein Fass und landete direkt vor Giorgios Nase. Beinahe hätte er ihn umgeworfen. Er war bester Laune, was man von Giorgio hingegen nicht behaupten konnte.

„Che merda!“, entfuhr es ihm gegen seinen Willen.

„Was soll das heißen? Wolltest du etwa Niccolòs Tod? Ich dachte immer, du magst ihn, du falscher Hund.“ Zornig funkelten seine dunklen Augen.

„Es tut mir leid, Antonio. Natürlich mag ich ihn und er mag die Musik wie ich. Und niemals will oder wollte ich seinen Tod. Ich hab nur so reagiert, weil ich dem Kerl die Kistenverschiffung schon zugesagt habe, denn ich dachte, du brauchst Geld für die Beerdigung.“

Antonio stürzte sich auf Giorgio, packte die öligen Zipfel seines Hemdkragens, schrie:

„Du miese Ratte! Du geldgieriger Genueser! In Wahrheit wäre dir Niccolòs Tod sehr gelegen gekommen. Aber ich sag dir: So oder so gebe ich mich für keine krummen Sachen her.“

„Sie ist sicherlich nicht krummer als dein geheimer Musikhandel. Was du aus Cremona mitbringst und hier nachts zollfrei verschiffst, ist kein Käse, mein Alter! Ich weiß, was für herrliche Instrumente übers Wasser gehen und welche Summen in deinen Geldbeutel. Warum solltest du Buonarotti und Italien nicht auch mal einen Gefallen tun?“

„Buonarotti?“ Jählings ließ Antonio den Kameraden los und riss erstaunt die Augen auf.

„Kennst du ihn etwa?“

„Irgendwie schon. Ich hab ihn auf der Versammlung gesehen.“

„Was für eine Versammlung?“

Und Antonio erzählte seinem Freund von Buonarotti. Aber es irritierte ihn, den korrekten Mann mit verbotenen Geschäften in Verbindung zu bringen.

„Ascolta, amico! Manch hehres Ziel erreicht man nur auf Schleichwegen.“

„Und die Schleichwege sind oft mit Leichen gepflastert. Solche Schweinereien kommen im Musikhandel nicht vor, ob geheim oder offiziell.“ Jetzt grinste Antonio, was seinem von Natur aus finsteren Gesicht etwas Fratzenhaftes gab. Freundliche Regungen waren ihm fremd. Die beiden Männer wurden sich einig und in der kommenden Nacht beluden Antonio, Giorgio sowie ein taubstummer Hafenarbeiter einen Dampfer nach Neapel. Der Taubstumme erhielt ein paar Scudi Zuschuss, damit er die Kisten begleitete und am Bestimmungshafen an den Verbindungsmann weiterleitete.

Auf dem Nachhauseweg grübelte Antonio darüber, was wohl in den Kisten sein mochte. Seine Ohren dröhnten noch von Giorgios Gefasel, man müsse furchtlose Anhänger für die gute Sache finden, sonst verlaufe sie im Sande. Überall gab es unzufriedene Bauern, auf denen eine hohe Fron lastete, Handwerker und Tagelöhner, die am Hungertuch nagten, Bettler und Diebe, denen die grausamsten Strafen drohten, vor allem in Neapel und Palermo, aber auch in den Kirchenstaaten. Sie müsse man gewinnen und kampffähig machen. Vermutlich verbargen die Kisten den Schlüssel zum Erfolg. Antonio vermutete Waffen und Pamphlete. In ihm regte sich das schlechte Gewissen, etwas Ungesetzliches getan zu haben, darum versuchte er, zu vergessen und wollte auch nicht mehr wissen, was in den Kisten war.

In der heimischen Gasse angekommen, atmete er tief durch, bevor er ins stinkende Treppenhaus trat, übersah die drei fetten Ratten am Eingang und nahm dann zwei Stufen auf einmal. Leise drehte er den Türknopf der Wohnungstür. Teresa schlief noch und vom Matratzenlager, auf dem sich alle Kinder drängten, nahm er gleichmäßige Atemzüge wahr. Der enge Raum war von seiner Schlafkammer nur durch einen zipfeligen Vorhang getrennt. Er schob ihn zur Seite und suchte mit den Augen Niccolò. Der Junge schlief an der Wandseite, die beiden Schwestern in der Mitte, flankiert von Bruder Carlo. Niccolòs Gesicht war zum Fenster gerichtet und so konnte Antonio ihn nicht betrachten, er hätte sonst über die Kinder steigen müssen. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass es dem Jungen wieder besser ging.

3

Genua 1789

Interessiert betrachtete Niccolò die Mandoline, die auf der Kommode ruhte. Sie gefiel ihm besser als die anderen Instrumente, die sein Vater vom Hafen mitbrachte. Im Porto Franco hatte der pfiffige Antonio schon eine Flöte, zwei Gitarren aus Spanien und eine Querflöte erstanden. Neulich war er mit dieser neapolitanischen Mandoline nach Hause gekommen. Sämtliche Instrumente wurden zuerst von ihm auf ihren Zustand überprüft, dann poliert, ausprobiert und schließlich gehortet, bis sich ein Käufer fand, der gut zahlte. In der Zeit fand Niccolò Gelegenheit, die Instrumente in Ruhe zu betrachten, sie auch zu betasten. Sein Vater schimpfte nie, wenn er behutsam über die Flöte oder die Zupfinstrumente strich. Der sonst so strenge Mann blickte aufmunternd. Die Mandoline hatte es Niccolò besonders angetan. Sie lag zum Greifen nah und in ihrem schimmernden Holz meinte er ein Lächeln zu sehen, als bitte sie darum, von ihm berührt zu werden. Er nahm sie vorsichtig in die Hand, schaute sie liebevoll an, blies in ihren Bauch und lauschte. Er zupfte geschickt, als wäre sie ihm schon lange vertraut, und entlockte ihr klare, volle Töne. Antonio kam ins Grübeln. Vielleicht sollte er die Stunden, die er in langweiligen Versammlungen zubrachte, lieber dem kleinen Niccolò widmen. Das Kerlchen hatte ohnehin nicht das Zeug zum kräftigen Gassenbuben.

„Du zupfst ganz ordentlich, mein Sohn“, sagte er eines Tages zu ihm. „Willst du dich nicht an einem Lied versuchen, anstatt so kreuz und quer zu zupfen?“

Niccolò probierte eines der italienischen Volkslieder aus, die seine Mutter den Kindern vorsang. Der Vater brummte.

„Das scheint noch nicht hinzuhauen. Ich will dir beibringen, die Töne zu finden!“

Und so ging für Niccolò die spielerische Zweisamkeit mit der Mandoline zu Ende. Es begannen die ersten ernsten Musikstunden.

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Drei Jahre waren seit Niccolòs schwerer Krankheit vergangen. In dieser Zeit hatte Antonio mehrmals geholfen, Holzkisten nach Palermo und Neapel zu verschiffen, und die Versammlungen besucht. Sein Freund Giorgio war ein begeisterter Anhänger Buonarottis geworden. Hatten ihn seine Ideen anfangs fasziniert, so verteidigte er sie mittlerweile sogar fanatisch, indessen Antonio die Sache mit steigerndem Argwohn verfolgte. Inzwischen wusste er nämlich, dass die geheimnisvollen Kisten aufwieglerische Schriften enthielten, die das geknechtete Volk Süditaliens aufklären und auf den Kampf vorbereiten sollten. Buonarotti wurde seit einiger Zeit von der toskanischen Polizei überwacht, weil er in seiner jüngst gegründeten Zeitschrift gegen Großherzog Leopold polemisierte. Darin schimpfte er ihn einen Lügner und Heuchler, der mit vagen Reformen sein Volk an der Nase herumführe. Antonio schwoll der Kamm und er machte sich rar bei den Versammlungen. Er nahm es Buonarotti übel, dem reformbereiten Großherzog in den Rücken zu fallen. Er nahm es ihm übel, nach dem blutrünstigen Frankreich zu schielen. Was ging in seinem Denkerschädel vor? War er gespalten?

„Sie sind alle gleich. Der Mensch ist Mensch, solange er nicht nach der Macht schielt. Einmal auf dem Thron, benimmt er sich wie der, den er vom Thron stieß. So ist es, mein Niccolò!“

Der Junge hörte mit seinen Übungen auf und sah den Vater ehrfürchtig an. Seine großen dunklen Augen blickten traurig, das Gesicht war trotz seiner olivenfarbenen Tönung bleich, was durch die schwarzen Locken noch verstärkt wurde.

„Ich habe dir nicht erlaubt, die Übungen zu unterlassen!“, herrschte der Vater den Kleinen an, der daraufhin zusammenzuckte. „Mach weiter, immer weiter! Übe, bis sich eine zentimeterdicke Hornschicht auf deinen Fingerkuppen bildet. Du zeigst mir jeden Tag deine Finger und wehe, die Hornhaut bildet sich nicht.“ Er hob die flache Hand gegen ihn. Niccolò duckte sich und zupfte fleißig weiter.

An die Wand des einzigen ordentlichen Zimmers gelehnt, die Hände in den Hosentaschen, beobachtete Vater Paganini den Jungen. Er zupft wie der Teufel, dachte er. Klangvoll, flink, exakt. Maria benedetta, das ist gut so, denn was soll aus dem schmächtigen Kerlchen auch werden, wenn nicht ein Musikus? Lasten kann er nicht schleppen, Kisten nicht verladen, aber Geld muss er verdienen. Am besten so schnell wie möglich, damit noch einiges in meine Tasche wandert.

Niccolò übte täglich viele Stunden, auch an diesem Sonntag, an dem er sich nachts fiebrig gefühlt hatte und nach der Morgentoilette von der Mutter wieder ins Bett zurückgeschickt worden war. Antonio prüfte Zunge und Puls des Jungen, fand nichts Beunruhigendes und jagte ihn aus den Federn.

„Siehst du nicht sein scheckiges Gesicht, Marito? Lass das Kind, es braucht Ruhe!“

„Nichts da! Er hat zu lange herumgelegen. Davon ist er scheckig.“ Sein flammender Blick zuckte von Teresa zu Niccolò. „Du übst, bis ich zurückkomme, hai capito? Jeder Bettler in Italien kann die Mandoline handhaben, aber du sollst sie spielen wie kein anderer. Ich befehle es, und wehe, du spielst stattdessen den Kranken.“

Er schlug die Tür hinter sich zu und beschloss, den Tag zu genießen, fern von Kindern und Ehefrau. Es war Spätsommer 1789, die Sonne stand hoch am Himmel, der Wind lag träge in den Winkeln oder schlummerte auf der schimmernden Decke des Meeres. Bei diesem Wetter strebte Antonio nicht sofort zum Hafen. Gemächlich schlenderte er über die Via Dante, streifte durch die verwinkelten Gassen, in denen Menschen so dicht aufeinander hausten wie Ratten. In fast alle Häuser, so finster und schmierig sie auch aussahen, war eine Marien­skulptur gemeißelt. Erhaben, doch blind sah sie auf das Elend zu ihren Füßen herab. Vor der Chiesa Santa Maria Maddalena machte Antonio kurz Halt, lüftete die Mütze und stapfte sogleich weiter durch die Vico della Maddalena, über die Vico del Tempo Buono, von wo aus er die Strada Nuova erreichte. Der Unterschied sprang ihm heute deutlicher als sonst ins Gesicht. Er wollte sich die Laune nicht ganz verderben lassen, weshalb er arrogant durch die Straße der Paläste schritt und vor jeder reichen Pforte ausspuckte. War er auch kein Revolutionär, so wünschte er dem hoffärtigen Gesindel dennoch die Krätze an den Hals. „Pack!“, schimpfte er und stieß mit dem Fuß gegen eine Statue am Eingang eines Palastes. „Ihr seid schlimmer als die Österreicher!“ Ein Wachposten näherte sich drohend. Antonio entwischte durch die Via San Siro. Plötzlich hatte er es eilig, das Viertel der Wohlhabenden zu verlassen. Er überquerte eine Piazza, begrüßte da und dort einen Bekannten, der vor einem heruntergekommenen Hauseingang döste, und gelangte endlich ins Hafengelände. Heute erwartete ihn nicht der Hafenkapitän, bei dem er sich von Dienstag bis Samstag allmorgendlich zum Entladen und Packen der Schiffsladungen melden musste. Offiziell war er ein Ligaballe, ein Packer am Hafen, inoffiziell galt er als Suonatore, als Musikant.

Die Hände in den Hosentaschen peilte er einen Schlupfwinkel des Hafens an. Dort erwartete ihn eine Bande bärtiger Gesellen zum Mora-Spiel. Dieses Glückspiel verlangte nichts weiter als zehn Finger und deren glückliche Anwendung. Man spielte es zu zweit. Einer der beiden Spieler nannte eine Zahl und bezeichnete mit den Fingern, welchen Teil er davon haben wollte. Gleichzeitig musste der andere, ohne die Hand des ersten zu sehen, so viele Finger zeigen, dass die anfangs genannte Zahl voll wurde. Natürlich spielte man nicht umsonst. Antonio war gefürchtet, denn oft gewann er seine kostspieligen Einsätze doppelt und dreifach zurück. Er hatte Glück im Spiel, verstand sich aufs Handeln und er vertraute auf das Talent der Paganinis sowie den guten Riecher des Genuesers. An diesem Sonntagabend kam er sehr spät, aber mit vollen Taschen nach Hause. Er brannte darauf, seinen Erfolg vor der ganzen Familie wie einen Sieg hinauszuposaunen und war gleichzeitig auf die Fortschritte seines Sohnes gespannt.

Doch der Junge lag vermummt im Bett. Über ihn beugte sich Dottore Gambaro, am Fußende stand klagend Teresa, die weinende einjährige Paola auf dem Arm. Ein grässlicher Gestank nach Erbrochenem und Urin schlug dem Hausvater entgegen und er hatte gute Lust, zum Hafen zurückzukehren.

„Scarlatina!“, diagnostizierte der Arzt.

„Kenn ich nicht!“, antwortete Antonio mürrisch.

„Scarlatina verdankt ihren Namen dem kräftigen roten Hautausschlag, den sie hervorbringt. Das Fieber steigt auf 39 Grad, die Nase läuft und entzündet sich, kleine Punkte sprießen, die dann zu großen Flecken zusammenfließen.“

„Flecken! Flecken! Flecken!“, spie Antonio aus. „Warum hat der Kerl ständig Flecken? Liegt das an unserer Gegend? Anlage kann es nicht sein. Ich hatte nie Flecken und Teresa bekam sie erst nach dem zweiten Kind.“

Gambaro erklärte, dass die Flecken eine harmlose Nebenerscheinung des eigentlichen Übels seien.

„Bedenklicher ist die Rachenschleimhaut. Sie wird stark in Mitleidenschaft gezogen und die katarrhalen Symptome, die das Ausschlagfieber begleiten, wirken sich verheerend auf die Bronchien aus.

„Hören Sie mit Ihrem Latein auf und reden Sie Italienisch!“

„Madre mia!“, schimpfte der Dottore. „Der Junge wird vermutlich Zeit seines Lebens schwach auf der Brust sein, weil der Husten, la tossa ripetitiva, seine Lungen angreift und seine ewige Rotznase den Schleimhäuten den Garaus macht. Er braucht Wärme und frische Luft. Hier jedoch, in dieser klammen Bude, die trotz des trockenen Sommers wie ein Kellerloch muffelt und stinkt, wird er nicht genesen.“ Er fasste sich an die Gurgel, als wolle er ersticken.

„Was soll ich also tun, Sie Besserwisser?“

„Mieten Sie eine Sänfte, packen Sie ihn warm ein und lassen Sie ihn in Genuas schönster Bucht Boccadasse herumtragen.“

Antonio starrte sekundenlang betäubt auf Gambaro und brach dann in ein so irres Gelächter aus, als habe er einen Harlekin vor sich. Verwirrt wich Teresa zurück.

„Ich habe vier Kinder zu ernähren und drei Bestattungen bezahlt. Glauben Sie, ich bin ein Goldesel?“

„Ob Sie ein Esel sind, sei dahin gestellt. Jedenfalls lassen Sie keine Gelegenheit aus, Ihre Taschen zu füllen. Hier!“, er deutete auf die Mandoline, „warum haben Sie das edle Stück aus Neapel noch nicht zu einem horrenden Preis verkauft? Das Mandolinenspiel ist noch immer sehr beliebt.“

„Sie ist für Niccolò. Er soll Musikant werden.“

Dottore Gambaro nahm seinen Hut. Er wiederholte, an Teresa gerichtet, die Dosis der einzunehmenden Medizin und blieb beim Hinausgehen vor Signore Paganini stehen.

„Die Medizin allein reicht nicht aus. Sollten Sie meinen Ratschlag nicht befolgen, wird Niccolò kein Musikant, weil ihm dazu keine Zeit bleibt.“ Gambaro setzte den Hut auf und wandte sich ab.

„Schwarzseher!“, nuschelte Antonio. Gambaro drehte sich um.

„Nicht ich! Sie sind es. Deshalb kommen Sie auch nicht mehr zu unseren Versammlungen. Sie glauben, die Republik Genua sei eingerostet. Sie glauben, sie bewege sich nicht nach vorn. Vielleicht nicht einmal nach hinten. Einfach gar nicht mehr. Sie täuschen sich, lieber Signore!“

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Ich kann sehen, aber die Sonne sticht in meine Augen. Silbrig glänzende Weingärten ziehen sich den Hang hinab zu einer verfallenen Kapelle. Von hier aus sieht sie aus wie ein Spielzeug. Sie ist nicht größer als meine Hand und doch steht sie wie eine Königin auf der Klippe. Einsam und erhaben. Dahinter liegt das Meer, tiefblau, schäumend und kraftvoll. Wenn das Meer ausatmet, tanzen die Wellen in ihren weißen Röcken, wenn es einatmet, rollen sie sich wie Schnecken zusammen. Ich versuche, so zu atmen wie das Meer. Vater hat gesagt: Nimm beim Einatmen die Weite des Meeres und des Himmels in dir auf, atmest du aus, stoße das Meer mit deinem Atem bis zum Horizont. Das ist leichter gesagt als getan, außerdem stört mich Vaters Mandolinenspiel. Gemütlich lehnt er an der verwitterten Mauer eines zerfallenen Steinhauses und zupft Mandoline. Zu den herrschaftlichen Häusern, die die Anhöhen der Bucht schmücken, passt das zerschossene Gebäude nicht, aber vermutlich war es einmal ein Schloss oder ein Teil davon und soll uns an Genuas Kriege erinnern. Ich sitze in einen Mantel gehüllt neben ihm, die Sonne wärmt mein Gesicht, meinen Kopf, meine Brust. Immer wieder muss ich husten. Vater glaubt, es ist die frische Luft, die meine Lungen reizt und reinigt. Ich aber glaube, es sind die unreinen Töne der Mandoline. Vater sagt: Hör gut zu Niccolò, so freundlich bin ich nicht alle Tage. Sobald du gesund bist, wirst du wieder viele Stunden täglich üben, und dann spielst du so. Schau auf meine Hände. Hörst du nicht, Niccolò? So spielst du. Genau so!

Und er zupft, wie eine Katze ihr Fell zupft. Er rupft an den Saiten wie Mama das Huhn am Samstag rupft. Er reißt an der Saite wie Paola an ihrem Haar reißt, wenn sie Flöhe hat.

„Hörst du, Niccolò?“, fragt er grimmig. Oh ja ich höre sehr wohl und sehr gut. Ich habe kein unharmonisches Ohr wie Sie, böser Padre! Und ängstlich sehe ich zu ihm hoch. Ich kneife die Augen zusammen, und er denkt, ich tue es, weil ich ihn fürchte. Aber es ist die Sonne, die meine Augen blendet.

„Hörst du, kleiner, nichtsnutziger Kerl, was dein Vater sagt?“

Ich nicke und er meint, ich sei einverstanden, aber ich denke ganz fest, dass ich nie so zupfen und nie so spielen werde wie Vater, weil ich nicht so spielen und zupfen kann. Niemals! Dieses Instrument, diese Mandoline ist doch kein Acker, auf dem man pflügt, keine Straße, auf der Kutschen fahren, aber vielleicht ist es ein Meer, in dem Tiere schwimmen und das durch eine leise Bewegung des Windes aufgewühlt wird.

4

Ein Jahr später ergatterte Antonio am Porto Franco eine Violine. Es war kein wertvolles Instrument, nicht stark im Holz und sehr im Klang beeinträchtigt. Niccolò musste sie vorerst genügen, denn der Vater wünschte dringend, dass sein Sohn die Mandoline gegen ein höheres Instrument eintauschte. Das Mandolinenspiel galt nicht mehr viel, jeder Hanswurst in Genua verstand sie, die wie eine Gitarre mit sechs Saiten bespannt war, zu handhaben. Niccolò war kein Hanswurst, ließen seine langen Gliedmaße auch an eine Marionette denken. Niccolò war der Sohn des Francesco Antonio Paganini und der einfältigen Maria Teresa Paganini, die den blassen Jungen mit Liebe und Volksliedern fütterte. Die sorglos dahin geträllerten Volkslieder der Mutter spielte Niccolò mittlerweile fehlerfrei, ja, er hatte sie im Handumdrehen erweitert, sie mit Trillern ausgeschmückt und durch Ritornelle verlängert. Antonio sah sich als waschechter Genueser veranlasst, noch mehr Geld in diesen Jungen zu stecken. Die Anlage schien gewinnträchtig, deshalb musste er aus dem Kerlchen so schnell wie möglich Können und Talent herauspeitschen. Wunderkinder fallen vermutlich vom Himmel, aber wird der ungewöhnliche Stern nicht gefeilt, poliert und notfalls zurechtgehauen, erlischt sein Strahlen. So dachte Antonio und entwickelte ein Dragonerrezept: Täglich sechs Stunden Violinunterricht. Vorbei die unnötigen Spaziergänge in der Bucht, keine sinnlosen Spiele in der schmutzigen Passo del Gatto mit nichtsnutzigen Gassenbuben und sehr sparsame Liebkosungen von Seiten der stupiden Mutter.

„Du überforderst das Kind, Antonio. Es wird wieder krank werden und womöglich sterben.“

„Sei still, dummes Weib! Krank wird er in der verseuchten Gasse, wenn er sich mit liderlichen Spitzbuben herumtreibt.“

„Niccolò mag keine Spitzbuben.“

„Und eines sage ich dir: Wird er nicht Musikant, so wird er Bettler. Dann ist es schon besser, er stirbt in jungen Jahren!“

Teresa wand sich entsetzt von ihm ab. Solange es sich um seine Einsätze handelte, kannte Antonio keine Gnade. Und auf Niccolò setzte er nicht nur Geld, sondern auch seine Zeit, seine Energie und sein Können.

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In den kommenden Monaten lernte Niccolo eifrig und wagte er es, Müdigkeit zu zeigen, strich ihm der Vater das Mittagessen. Der Alte kannte kein Mitleid, denn er unterstellte dem Knaben eine zähe Natur. Zweimal hatte er den Tod von der Bettkante gewiesen. Der schmächtige Kleine trotzte den porösen Wänden, aus denen feuchte Blasen drangen und Schimmel bildeten, er trotzte den sonnenarmen, stickigen Räumen und dem Gestank des osmanischen Klos im Treppenhaus, der das gesamte Haus verpestete. Tapfer absolvierte er ein klägliches Pensum an Schulstunden, um Schreiben, Lesen und Rechnen zu können, lernte dabei etwas über die Geschichte seines Landes und erfuhr von seinem Lehrer, einem Freund des Dottore, dass nicht nur in Genua italienisch gesprochen wurde, sondern auch in den Kirchenstaaten, in den Herzogtümern Toskana und Parma, im Königreich Sizilien, auch in der Republik Venedig. Dieser Lehrer verriet Niccolò auch, warum die Straßen in allen Teilen des großen Landes schlecht waren, überall Räuberbanden lauerten und es schlimmste Armut, Dreck und Gleichgültigkeit gab. „Weil die Österreicher und andere Eroberer überall ihre Finger drin haben“, erklärte der Erzieher. Den Jungen kümmerte dies nicht. Er freute sich auf das Ende des Unterrichts und das Spiel auf seiner Geige. Er übte mit feurigem Ernst, dennoch ließ er ab und zu die Geige ermattet sinken. Sieben bis acht Stunden täglich erschöpften ihn. Manchmal war er so schwach und taumelig, dass er schwankte. Sein Vater kannte kein Mitleid. Er zog ihm die Ohren lang, bis der Kleine aufschrie und wieder kerzengerade stand.

„Wie oft hast du die Etude vom Blatt gespielt?“

„Fünf Mal, Padre!“

„Was höre ich?“ Er schlug dem Jungen ins Gesicht. „Das ist zu wenig.“ Er schlug ein zweites Mal, weil Niccolò die Ohrfeige reglos hinnahm. „Gib zu, dass es zu wenig ist. Hörst du nicht? Bist du taub?“

Zögernd schüttelte Niccolò den Kopf. Die Geige hing plötzlich an seinem Arm, als sei sie zentnerschwer. Der Bogen glitt ihm fast aus der Hand. Der Vater schlug ein drittes Mal zu.

„Natürlich bist du taub. Ich hab dir unzählige Male befohlen, sie so lange zu spielen, bis du sie aus dem Effeff beherrschst.“

„Das habe ich getan, Padre.“ Der Junge duckte sich, denn drohend schwebte die Hand des Vaters über ihm.

„Und die Tonleiter? Hast du sie gespielt?“

„Auf jeder Saite habe ich sie gespielt, Padre!“ Wohlweislich bedeckte Niccolò seine Wange.

„Wie oft auf jeder Saite?“

„Zehnmal, Padre!“

„Die Etude von Tartini hast du fünfmal gespielt und die Tonleiter zehnmal auf einer Saite, ja?“

„Genau, Padre!“ Niccolò reckte sich vorsichtig. Er war mit sich zufrieden. Nicht so der Vater. Seine Augen traten aus ihren Höhlen.

„Du wagst es, mir Unfug zu erzählen?“

„Ich habe gespielt, bis ich sie beherrschte, Padre! Genau wie Sie mir befohlen haben.“

„Du lügst!“, schrie der Alte und schlug Niccolò auf den Kopf.

„Du behauptest also, du könntest diese schwierige Übung nach so kurzer Zeit fehlerlos spielen? Behauptest du das?“

Niccolò nickte sehr zaghaft, nicht ohne dabei seinen Kopf mit der Hand, die den Bogen hielt, zu schützen.

„Zeig es!“

Zitternd schob Niccolò die Geige unters Kinn und setzte ganz langsam den Bogen an.

„Beeile dich, du Nichtsnutz!“ Antonio zerrte an ihm herum. „Los, los, mach endlich. Zeig es mir, du Lügner!“

Und Niccolò spielte die Etüde von Tartini so langsam, als wolle er jeden Ton auskosten. Er spielte sie fehlerlos, hätte sie gerne ausgeschmückt, traute sich aber nicht. Der strenge Ausdruck im Gesicht des Vaters milderte sich nur wenig. Ein höhnisches Grinsen flackerte in seinen Augen.

„Das ist nicht schlecht. Aber ich wünsche sie schneller, du kleiner Schwindler. Und das wirst du nicht können, weil du zu wenig geübt hast. Wer mit so dünnen Fingern nur fünfmal diese Etude spielt, kann sie noch lange nicht, selbst wenn er begabt ist. Du bist ein Besserwisser und Aufschneider.“

Niccolò spielte sie etwas schneller. Die Miene des Vaters verzog sich kaum. Er spielte sie noch schneller. Die Augen des Vaters traten nicht mehr hervor, aber weiteten sich, und im Moment, als Niccolò sie so emsig intonierte, dass Antonios träge Augen den flinken Fingern kaum folgen konnten und der Junge ans Ende der Etude einen blitzschnellen Lauf der chromatischen Tonleiter setzte, sperrte der Vater auch den Mund auf.

„Wie alt bist du, verdammt noch mal?“

„Verzeihen Sie, Padre, aber ich weiß es nicht mehr. Ich kann es mir nicht merken, weil wir die Geburtstage nicht feiern.“

„Wozu soll ich den Geburtstag eines Taugenichts feiern?“

Niccolò sah ängstlich zu seinem Vater hoch. Die zusammengepressten Lippen und der drohende Blick verliehen diesem etwas Furchterregendes. Wie um ihn gnädig zu stimmen, spielte Niccolò nun mehrere Tonleitern, einmal von der G-Saite, einmal von der E-Saite ausgehend, aber verzierte sie mit Trillern. Die Töne waren lupenrein und klangen harmonisch. Signore Paganini ließ Milde walten, denn in seinem Kopf arbeitete es. Der Genueser rechnete. Er kalkulierte, überschlug, addierte und zog ab. Als die Kasse in seinem Kopf klingelte entspannte sich sein Gesicht und er sagte:

„Was sich bezahlt macht, sollte gefeiert werden. Wann ist dein nächster Geburtstag?“

„Im Herbst, Padre!“

„Im Herbst, im Herbst“, schrie Antonio, „was für eine Antwort! Jetzt haben wir November und es ist immer noch Herbst. Wann im Herbst?“

„Es ist noch nicht sehr kalt, aber auch nicht mehr so warm und die Blätter fallen von den Bäumen. Der Himmel ist grau und in der Wohnung muss man heizen.“

„Dummes Geschwätz!“, brummte der Vater. Dann hob er die Stimme und brüllte: „Signora Paganini? Weib, komme es auf der Stelle!“

Teresa erschien in einem grauen Tageskleid. Wie üblich hing Paola an ihrem Rockzipfel. „Was wünscht Signore Paganini von seinem Weib?“

„Wann kam dieser Lümmel zur Welt?“

„Im Herbst vor …“, sie zählte an ihren Fingern ab, murmelte die Zahlen und fuhr fort,“ … vor acht Jahren.“

„Das heißt, der Junge ist heute acht Jahre alt?“

Teresa nickte und schickte sich an, hinauszugehen.

„An welchem Tag im Herbst ist der Kerl geboren?“

Nun schaute Teresa betreten. Antonio sah, wie es in ihrem Kopf arbeitete.

„Ich vergesse die Zahl immer wieder, weil wir seinen Geburtstag nicht feiern.“

„Geht mir zum Teufel mit eurem Geburtstagsfeiern. Bin ich ein Goldesel? Ich will verdammt noch mal endlich den Tag seines Geburtstags wissen oder muss ich dazu das Stammbuch suchen? Hier in diesem unordentlichen, schmutzigen Haus?“

Während er schrie, stand Niccolò geduckt daneben, Geige und Bogen hingen an seinem Körper herunter, links die Geige, rechts der Bogen. Teresa runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach.

„Es war Ende des Herbstes. Der Himmel war grau, es regnete ein wenig und der Wind …“

„Neiiiiiiin, das hab ich schon mal gehört. Per favore! Man suche mir das Stammbuch.“

„27. Oktober!“, schoss es da plötzlich aus Teresas Mund.

„27. Oktober!“, wiederholte Antonio erleichtert. „Na endlich. Der Junge wurde also vor einem Monat acht Jahre alt. Das ist ausgezeichnet. Wer mit acht Jahren so flink spielt, der wird mit 10 Jahren ein ausgezeichneter Kirchenmusikant sein und Geld verdienen. Noch feiern wir deinen Geburtstag nicht, denn du hast ja bis jetzt nichts verdient, aber nächstes Jahr wird gefeiert. Versprochen.“

Niccolò durfte hinausgehen. Teresa folgte ihm, die scheue Paola am Rockzipfel.

5

Sechs Monate später musste sich Antonio eingestehen, dass er dem Jungen nichts mehr beibringen konnte, und suchte Maestro Giacomo Costa auf. Der dreißigjährige Genueser spielte die erste Geige bei Kirchenmusikstücken und schien Antonio genau der Richtige. Niccolò sollte ein angesehener Kirchenmusiker werden. Unter Costas Anleitung wuchsen Niccolò Flügel. Seine Finger füllten sich mit Leben –
was ihnen beim Unterricht seines Vaters nicht ganz gelungen war – ,
sie strafften sich, bogen sich. In seinen Fingerkuppen pochte wild das Blut, so dass sie wie Hämmerchen auf die Saiten niederstürzten. Sein linker Arm wuchs und wuchs und endete an der Spitze seines Geigenbogens. Im April 1791, knapp neunjährig, spielte er beim Gottesdienst das Konzert für Violine und Orchester Op. 17 von Pleyel. Von da an übernahm er Costas Rolle als erster Geiger bei Kirchenstücken. Antonio konnte seine Freude über den Erfolg nicht vollständig auskosten, denn noch kam kein Geld herein, außerdem beschwerte sich Giacomo Costa. Der Junge sei wohl begabt und unschlagbar in seinem musikalischen Ideenreichtum, sein Kopf allerdings, der sei nicht nur groß, er sei auch stur. Niccolòs Bogenführung sei haarsträubend und widersetze sich jeglicher seriöser Methode des Geigenspiels. Antonio versprach Costa, den Jungen mit ein paar Backpfeifen zur Vernunft zu bringen. Vermutlich sei ihm der Erfolg in seinen großen Kopf gestiegen.

Als er am späten Nachmittag zu Hause eintraf und Niccolò folgsam beim Geigenüben vorfand, milderte sich die unterwegs angestaute Wut keinesfalls, nein, sie steigerte sich noch, da er nicht begriff, was an Niccolòs Bogenhaltung falsch sein sollte. Seine Geige zeigte in spitzem Winkel nach unten, als sei ihr Steg ein Opfer der Erdanziehung, und sein rechter Arm, der den überlangen Bogen führte, streifte dabei fast seinen Körper. Was konnte an einer Haltung falsch sein, die so kraftvolle, reine Töne produzierte?

„Leg dein Instrument weg!“, herrschte er den Jungen an. Verständnislos starrte der Kleine auf den Vater. Was ist geschehen, dass der Vater das Gegenteil von dem wünschte, was er üblicherweise mit strengster Härte verlangt, schien er sich zu fragen. Kaum lagen Geige und Bogen sicher auf der wurmstichigen Kommode, machte Antonio zwei dröhnende Schritte und schlug Niccolò schallend auf die rechte Wange. Sein Kopf flog nach links, da schlug Antonio noch mal so kräftig auf die linke Wange. Der Kopf flog nach rechts.

„Ich hab alles richtig gemacht!“, stotterte der Kleine zwischen den Ohrfeigen.

„Du wagst es, mich anzulügen?“ brüllte der Vater. Sein Zorn war nun aufs höchste angestachelt. Heftig atmend packte er den Jungen, riss ihm die Hosen herunter und drosch auf den armen, dürren Hintern ein, bis dieser so krebsrot war wie Niccolòs Gesicht in Zeiten des Scharlachfiebers und bis Teresa rasend vor Empörung ins Zimmer stürzte.

„Francesco Antonio Paganini, warum verprügelst du unseren armen Sohn so schrecklich? Was hat er getan, dass du ihn klopfst und drischst wie Waschweiber ihre schmutzige Wäsche am Waschtag?“

„Er führt den Bogen falsch und wirft sich damit Steine in den Weg einer erfolgreichen Zukunft.“

„Ich halte ihn richtig“, krächzte der Sohn, worauf Antonio zu neuen Schlägen ansetzte. Teresa warf ihren kleinen, doch korpulenten Körper zwischen die beiden und zeterte dabei ohrenbetäubend. Wie ein Schutzwall baute sie sich vor ihrem Kind auf. Sie schleuderte Antonio Schimpfwörter, untermischt mit Fragen und Klagen, ins Gesicht. Antonio erreichte Niccolòs Hintern nicht mehr und hätte auf seine Frau dreschen müssen, was ihm seine Erziehung untersagte. In seiner Familie wurden Frauen nicht geschlagen. Inzwischen hatte sich Niccolò in eine enge Nische im Treppenhaus geflüchtet, wo ihn Antonio nicht fassen konnte.

„Was ist an Niccolòs Bogenführung falsch?“, schrie Teresa.

„Weiß ich nicht!“, schrie Antonio zurück, während er den Kleinen mit den Augen suchte.

„So ein Unsinn! Wer sagt, sie sei falsch?“

„Costa sagt es und Costa weiß es. Und ich will, dass der Junge spielt, wie es Costa verlangt.“

„Warum soll der Junge anders spielen als er spielt, wo er doch besser spielt als alle Schüler Costas, die so spielen, wie es Costa verlangt? Seid ihr denn alle dümmer als ich? Ihr, die ihr lesen, schreiben und rechnen könnt!“

„Halt den Mund, Weib! Du verstehst nichts.“

„Mein Herz versteht mehr als dein gelehrter Kopf. Wenn du den Jungen noch einmal schlägst, zerschlage ich die Geige an deinem gelehrten Kopf. Dann kann er die Geige weder falsch noch richtig halten.“

Der Ärger über sein Weib, gepaart mit dem Ärger über Niccolò, trieb ihn aus dem Haus. Er ging zum Landungsquai. Eine elende Gegend. Egal. Sie entsprach seinem momentanen inneren Zustand. Missgestaltete Häuser standen dicht gedrängt, verwahrlost und armselig. An den offenen Fenstern hingen schlammfarbene Kleidungsstücke zum Trocknen und aus den Wohnungen strömte modriger Geruch, der sich in den gewaschenen Kleidern festsetzte. Antonio strebte die Makkaroni- und Polentastände an, wo er Giorgio Servetto zu treffen hoffte. Seit in Frankreich der radikale linke Flügel der demokratischen Partei herrschte und vielen Adeligen, ob gut oder böse, die Guillotine drohte, nagten leise Zweifel an Giorgios Gesinnung. Er fürchtete, Fillipo Buonarotti beabsichtige, Italien auf ebenso blutrünstige Weise zu revolutionieren. Und so grübelte der einstige Musikstudent darüber, ob er nicht das schwierige Geschäft der Revolution anderen überlassen und in aller Ruhe sein früheres Leben wieder aufnehmen sollte. Heute als Hafenarbeiter, morgen als Geigenlehrer oder auch als Polenta- oder Fischverkäufer.

Der junge Servetto saß auf dem Boden hinter einem Polentastand und starrte gedankenverloren an den flatternden, Staub und Dreck verteilenden Tauben vorbei, die ihre Schnäbel gierig in die Fleischabfälle stießen, als er plötzlich Antonio erkannte. Er grüßte ihn und winkte ihn heran.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und betrachteten das rege Treiben. Die Händler feilschten mit krächzenden Stimmen oder zeterten unzufrieden einem davoneilenden Kunden nach. Giorgio war wie es den Anschein hatte, nicht zum Arbeiten hier. Er grübelte und träumte, nebenbei teilte er Antonio seine Bedenken mit.

„Irgendwie möchte ich weiterhin unserer Sache dienen, denn auch ich wünsche die Fremdherrschaft zum Teufel. Allerdings muss das Ganze besser organisiert werden und darf nicht in ein Blutbad ausarten. Bis jetzt sind wir ein Haufen unzufriedener Intellektueller, Bürger, verbitterter Adeliger, Landarbeiter und hie und da stößt sogar ein Priester dazu. Das genügt nicht. Uns fehlt eine gemeinsame solide Basis und Hilfe in den maßgebenden Parteien. Wir haben noch nicht einmal einen Namen.“

Antonio antwortete nicht. Seine Augen schweiften über die farbige Vielfalt von Gesichtern und vertieften sich in den Anblick eines jungen Mädchens.

„Wie wäre es, wenn du dich nach einer jungen Frau umsähest, Giorgio? Du bist dreiundzwanzig und solltest an eine Familie denken!“, sagte er unvermittelt.

„Mit meinen unsicheren Einkünften?“

„Arbeite wieder als Geigenlehrer. Das bringt was ein. Du spielst doch ordentlich Geige, oder?“

„Ich habe sie zehn Jahre lang gelernt und kenne mich aus.“

Sein Satz lieferte Antonio das Stichwort und dieser konnte seine Frage stellen, wobei er mit funkelnden Augen auf den Sohn schimpfte. Kaum hatte er Luft abgelassen, richtete sich Giorgio auf und zwinkerte Antonio von oben herab zu. Warum er nie daran gedacht habe, ihn als Lehrer einzustellen, wollte er wissen.

„Weil du Geld brauchst, und ich dich teuer bezahlen müsste. Costa macht es fast umsonst, da er Niccolò für eine Sonderbegabung hält, die unbedingt gefördert werden muss. Aber genug davon! Beantworte mir meine Frage.“

„Bene!“ Giorgio zwinkerte. „An der Bogenführung ist nichts falsch, Antonio!“ Er fischte Tabak aus der Hosentasche, zerrieb ihn auf dem Handrücken und zog ihn durch die Nase. Bevor er weiter sprach, atmete er tief durch. „Lass den Jungen einfach in Ruhe. Wie es aussieht, schwört sein Lehrer Costa auf die französische Methode, weil der Geiger dabei ein elegantes Bild abgibt und sie vom berühmten Sevcik zum Nonplusultra erhoben wurde. Angeblich spielt man dabei auch besser.“

„Ich hab mich um all das nie gekümmert. Wie sieht das Ganze denn aus, verdammt? Kannst du mir das erklären?“

„Das Gewicht des Körpers ruht auf dem linken Bein, der rechte Fuß wird leicht nach vorn versetzt. Die Geige hält man zwischen Kinn und Schulter liegend, ohne Stütze der linken Hand, der Ellbogen nach innen, damit die Finger mit Kraft niedersausen …“

„Das ist mir bekannt. Nur, Niccolò hebt immer eine Schulter etwas höher, so dass er schief aussieht, der Gimpel! Doch was ist mit dem Bogen?“

„Der Daumen liegt leicht gebogen am Anfang des Frosches, das Ende des Zeigefingers gebogen auf dem Holz, sozusagen zum Ausbalancieren. Während des Spiels ruht die Violine im rechten Winkel zum Körper, das heißt, man hebt den rechten Arm so weit an, bis sich der Bogen mit den Saiten auf gleicher Höhe befindet. Capito?“

Antonio wackelte mit dem Kopf, zuckte mit den Schultern, murmelte, er habe bei Niccolò nie auf diese Details geachtet und nie wäre ihm seine Haltung oder Bogenführung absonderlich vorgekommen. Im Gegenteil, auf alten Gemälden und Lithographien hielten die Geiger ihr Instrument immer mit einer leichten Neigung nach unten.

„So lehrt die italienische Schule des 18. Jahrhunderts, doch das ist veraltet. Inzwischen gilt die verfluchte französische Schule, auf die Niccolò offensichtlich pfeift. Diese Franzosen wollen sich überall breitmachen, auch in der Musik, und Niccolò sträubt sich mit Recht dagegen. Sie entspricht ihm nicht. Er hat seine eigene Methode gefunden dank der er genial spielt. Was willst du mehr, Antonio? Fördere ihn, statt an ihm rumzumäkeln.“

Ein wenig bereute er nun, den Jungen wegen jeder Kleinigkeit so schrecklich verprügelt zu haben. Seine Frau hatte recht gehabt, den schmalbrüstigen Kerl zu schützen. Sie hatte oft recht, obwohl sie ein einfältiges und dummes Weib war und seit der Geburt von Paola ziemlich hässlich geworden. Durch ihre Haare zogen Silberfäden, ihre Haut war bräunlich-gelb gescheckt, aber am schlimmsten sah sie aus, wenn sie zeterte. Jedes Kind hatte einen Zahn gekostet, und da Teresa mittlerweile sieben geboren hatte, fehlten ihr sieben Zähne, zwei davon in der vorderen oberen Reihe. Maria benedetta, hatte Teresa ein gutes Herz. Vielleicht liebte sie sogar ihren Mann. Jedenfalls liebte sie alle ihre Kinder, auch die gestorbenen. Die lebenden hütete sie wie eine Henne, bekochte sie gut, sang ihnen Lieder vor und salbte sie mit Olivenöl ein. Nur schade, dass sie von Hausarbeit nichts hielt. Dreck und Unrat verklebten die Winkel, Staub bedeckte die Möbel, Schimmel die Wände, schmierige Schlieren verunreinigten die Böden, Flecken die Fenster. Diese Wohnung ähnelte einem Hühnerstall. Und in diesen Hühnerstall kam Antonio als geschlagener Gockel auf allen Vieren zurück. Er würde sich seine Niederlage nicht anmerken lassen, stattdessen wollte er Niccolò bald mit einer neuen, besseren Geige überraschen.

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Vater hat mich nie mehr wegen meiner Haltung geschlagen. Auch nicht wegen irgendetwas anderem. Noch immer ist er streng, manchmal gibt es eine Backpfeife, aber er ist nicht mehr ganz so finster und böse. Als letzten Winter ein englischer Admiral unsere schöne Stadt belagerte, wurde er sogar freundlich. Er versammelte uns Kinder im Wohnzimmer und erklärte, was die Engländer in Italien suchten. Er sagte: Sie wollen mehr Land, mehr Macht und mehr Geld. Ähnlich den Österreichern, bloß dümmer. Sie wollen, dass wir alle englisch reden, ihr scheußliches Bier trinken, ihre Ideen annehmen und ihren Regen. Er sagte, wegen der Engländer könne er mir die neue Geige nicht zu Weihnachten schenken. Die Engländer hinderten ihn an seinen Geschäften, sagte er, aber sie würden ihn und mich nicht daran hindern, viele Konzerte zu geben. Schon wenige Monate später kamen die Franzosen und verscheuchten den englischen Admiral. Darüber waren wir nicht besonders froh, denn es hieß, junge Genueser Männer müssten in den Krieg gegen Frankreich ziehen. Vater ist zwar nicht jung, aber auch nicht alt, und er ist nicht so böse, dass wir ihn ins Pfefferland wünschen. Auch Mama mag ihn trotz seiner scharfen Stimme und den buschigen Brauen, die schwarz wie das Gefieder eines Raben über den funkelnden Augen wachsen. Er blieb also bei uns und so konnten wir unsere Pläne verwirklichen. Ich studiere weiterhin bei Costa, dabei hasse ich den Mann täglich mehr. Er schiebt immerzu meine Geige in eine horizontale Lage und tut mir dabei weh. Er zupft an meinem rechten Arm, als sei er eine Saite, und rammt ihn nach oben. Er schlägt auf meine Schultern, drückt sie mit seiner schweren Pranke, weil ich die Gewohnheit habe, sie hochzuziehen. Er schüttelt mich, stampft mit dem Fuß auf, wenn ich die Geige sinken lasse, rauft sich die Haare, wenn ich Auftakte mit dem Niederstrich, Niederschläge mit dem Aufstrich vortrage. Er staunt allerdings darüber, wie gekonnt ich den Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger halte. Leicht wie eine Feder, doch kraftvoll wie ein Pfeil, sagt er und fügt an, dass mir Gott einen überlangen kleinen Finger verpasst habe, damit ich den Bogen sorglos im Gleichgewicht halten könne. Ein Quälgeist, der die Quälerei meines Vaters zeitweise übertrifft. Denn während Vater milder wird, zwingt mir Costa nun ein Pensum von zehn Stunden Übungen täglich auf. Das macht mich außerordentlich müde und manchmal wird mir schlecht, ich schwanke und falle hin. Aber immer so, dass meiner Geige nichts geschieht. Da bin ich sehr vorsichtig, denn ich liebe sie irgendwie. Ich schlafe mit ihr ein und wache mit ihr auf. Sie ist meine Gefährtin, obwohl mir ihre Stimme nicht besonders gefällt. Es ist wie mit Menschen. Manche haben einen Geruch, der abstößt, und manche haben Stimmen, die klirren. Ich hätte Vater anvertrauen können, dass der Klang meiner Geige mir Kopfschmerzen verursachte, ließ es aber sein, um seinen Zorn nicht zu reizen. Ich habe ihm aber gesagt, dass meine Vorträge in der Chiesa di San Filippo Neri im Mai und in der Chiesa Nostra Signora delle Vigne im Dezember weitaus schöner ausgefallen wären, hätte ich eine bessere Geige gehabt. Er zitierte als Antwort eine Zeitung, die von einem „wohlklingenden Konzert“ schrieb. Ich entgegnete, dass die meisten Genueser über jene Durchschnittsohren verfügten, in denen ein verstimmtes Klavier wohltemperiert klinge. Er antwortete mit einer Backpfeife. Nun gut. Jedenfalls wollte er vom Kauf einer Geige vorerst nichts wissen. Zu teuer! Nicht nötig! Ein Talent könne zaubern, sagte er. Ein talentierter Musikant hole aus einer krächzenden Geige himmlische Melodien.

Das brachte mich auf die Idee, mein Konzert im Teatro S. Agostino mit Vogelgezwitscher zu beenden. Ich wartete den Jubel und das Getrampel des Publikums verneigend und lächelnd ab und schob, sobald ein wenig Ruhe eingekehrt war, meine Geige erneut unters Kinn. Applaus ließ das Haus von neuem erbeben. Die Zuhörer hofften auf eine Zugabe im klassischen Sinn. Mich aber ritt ein Kobold. Statt einer klassischen Zugabe imitierte ich den Gesang einer Nachtigall. Ich schloss die Augen. Im Saal herrschte unwirkliche Stille und ich fühlte die Nacht um mich aufsteigen. Eine helle, strahlende Nacht, in der die Nachtigall ihren Geliebten ruft. Als ich die Augen öffnete, fürchtete ich die Reaktion des Publikums und als ich zu meiner Rechten die schwarzen Augen meines Vaters blitzen sah, fürchtete ich sogar um mein Leben. Der Erlös dieser Veranstaltung nämlich sollte mir mehr Türen öffnen, höhere Studien ermöglichen, die mein Vater nicht zahlen konnte. Er hatte sogar einen Artikel in der Gazetta di Genova veranlasst, der die Leute zum Kommen zusammentrommelte. Und da waren sie nun, viele neugierige Genueser, die mein Konzert rasend beklatschten und denen ich als Dank zum Abschluss Vogelgesang präsentierte. Würden sie es mir verübeln? Die seltsame Ruhe, die eintrat, nachdem ich meine Geige abgesetzt hatte, machte mich nervös. Ich tänzelte verlegen hin und her, da streifte mein Blick meinen Vater. Er lächelte. Nein, mehr noch. Er lachte und mit ihm lachten plötzlich alle. Und diese amüsierten Lacher schickte der Sturm wie kleine Wellen den großen Wellenbrechern voraus. Sekunden später erzitterte das Teatro unter dem Beifallsgetöse des Publikums. Ich hatte gewonnen. Vater erwog nun wenigstens den Gedanken an eine gute Geige. Und dieser Gedanke ging in ihm um. Er erkundigte sich, besuchte Musikhandlungen, ließ sich in die Geigenmacherzunft einweihen, aber zögerte.

Mein Konzert hörte auch ein junger Mann, den sie als den Marchese Giancarlo Di Negro ansprachen und sich dabei verneigten. Unglücklicherweise sah ich ihn erst am Schluss der Vorstellung, denn wäre mir seine Anwesenheit aufgefallen, hätte ich meine Variationen über La Carmagnola“ nicht gespielt. Vater sagte, es sei nicht ratsam, einen Adligen an die Jakobiner zu erinnern. Vor allem nicht jetzt, da in Frankreich die Köpfe der Blaublütigen rollten. Mein Lehrer Luigi ist Jakobiner, nur Vater weiß es nicht. Er hat mir einen Kopfputz gezeigt, den sie die phrygische Mütze nennen und die von den Jakobinern Frankreichs getragen wird. Mein Lehrer Luigi ist schuld daran, dass ich die Melodie von „La Carmagnola“ kenne. Nachdem er sie mir einmal vorgesungen hatte, echote sie in meinem Kopf und löste einen bunten Reigen von Bildern aus. Bilder der Vergangenheit, farbige und graue Bilder, Bilder aus meiner frühen Kinderzeit. Später saß ich im Zimmer unserer düsteren Wohnung, am Tisch unterm Fenster, vor mir das vollgeschriebene Blatt. Ich starrte auf die Zeichen, die Schlangenlinien und erkannte unter ihnen, dort auf dem Blatt, einen Jungen, bis über die Ohren in ein grau-weißes Laken gehüllt. Nur das dunkle Haupthaar drängt widerspenstig über den Rand der Decke. Der Junge ist tot, dachte ich und musste weinen. Schnell drehte ich das Blatt um, aber da kamen sie. Runde, schwarze Köpfchen, die auf Haken saßen, Kaulquappen ähnliche Wesen, die sich an ihren Schwänzen festhielten. Eine heftige Welle Zorn schüttelte mich. Nein, nicht weinen, nicht leiden und bemitleiden, tobte es in mir. Ich werde den Jungen aufwecken. Und dann kamen sie wieder, die runden schwarzen Köpfchen, die auf Haken saßen. Sie flossen aus meiner Feder. Mein erstes Werk, aufgebaut auf der schlichten Melodie der „La Carmagnola“. „Weißt du, woher der Titel kommt“, hatte mich Luigi gefragt. „Woher soll ich es wissen?“, fragte ich zurück. Meine Ungezogenheit lächelnd übergehend erklärte er es mir. Urheber waren Bauern aus Carmagnola, einem Dorf bei Turin. Sie wanderten nach Frankreich aus, ließen sich in Marseille nieder, lernten Französisch, aber trugen weiterhin ihre Tracht, eine Samtjacke mit zwei Knopfleisten, die Carmagnola. Bauern und Arbeiter sind das Volk, das vom Klerus dumm gehalten wird und vom Adel ausgesaugt. Daher der Name des Liedes. 

An all das erinnerte ich mich, als ich den Marchese wahrnahm. Ich bekam einen feuerroten Kopf. Noch während des tosenden Applauses ging ich von der Bühne ab. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich meinen Vater. Er stand beim Marchese und lachte. Ja, er lachte! Wie war es möglich? Ein Revolutionslied musste den Marchese doch beleidigen und aufbringen. Einmal hinter der Bühne, dachte ich an Flucht. Aber wohin hätte ich mich flüchten können? Und überhaupt, da näherten sie sich schon, mein Vater und der Marchese. Sie lachten noch immer. Nun ja, vielleicht habe ich sie mit dem Vogelgezwitscher so gut amüsiert, dass „La Carmagnola“ ganz in Vergessenheit geraten war.

„Niccolò, warum hast du es so eilig? Der Marchese möchte dir gratulieren.“

Gratulieren? Dann musste er die Carmagnola überhört haben. Wie wunderbar! Ein unpolitischer Mensch vermutlich. Vater trat dicht an mich heran, beugte sich an mein Ohr und sagte mit gerührter Stimme:

„Der Marchese Di Negro ist ein weitgereister Mann und hält dich für den begabtesten Geiger unter der Sonne. Er fände keine Ruhe mehr, sagte er, würde er die Gelegenheit versäumen, dir den Weg an die Spitze zu ebnen.“

So bebend spricht Vater nur, wenn wichtige Personen zugegen sind. Bei Mama hören sich seine Sätze ganz anders an. Meistens schreit er sie hinaus und schreit er nicht, dann schnoddert er sie unverständlich in seinen Bart. Ich verneigte mich vor dem Marchese.

„Unglaublich, ja, ganz unglaublich fand er deine Variationen über La Carmagnola.“

Ich hob den Kopf und sah völlig verwirrt und ungläubig in ein begeistertes Gesicht.

„O mio dio!“, brach es ungestüm aus dem Marchese heraus. „Was du aus dieser Melodie geschaffen hast, ist einfach wunderbar. Und das mit zwölf lächerlichen Jahren. Nach Mozart haben wir wieder ein Wunderkind.“

Der Vergleich mit Mozart beschämte mich. Niemand reichte an den großen Musiker heran.

Auf dem Nachhauseweg erzählte Vater ein wenig von dem jungen Adligen. Er treffe sich heimlich mit anderen Adligen, um über Genuas Zukunft zu diskutieren. Er gehöre zu den Novatori, die der verrosteten, von alten Männern regierten Republik Genua die Kehle durchtrennen wollten. Napoleon heiße ihr Held. Von manchen auch Buonaparte genannt.

6

Parma 1795–1796

Marchese Di Negro zahlte die Reise nach Parma und übernahm alle Kosten, die der Aufenthalt dort forderte. Vater behauptete, Giacomo Costa könne mir nichts mehr beibringen, ja, er fürchtete sogar, unter Costa würde ich nichts weiter als ein zappeliger Schulgeiger werden. Papa Paganini genügte das nicht, deshalb setzte er alles daran, mich dem berühmten Lehrer und Violonisten Alessandro Rolla vorzustellen. Dieser Rolla dirigierte das Herzogliche Orchester des Herzogtums Parma. Auf ihn war ich äußert gespannt, musste mich allerdings noch in Geduld üben, denn die Reise in der Kutsche war anstrengend und schien kein Ende nehmen zu
wollen.

Nach den ersten Kilometern stieg ein finsterer Bursche ein. Unter buschigen rabenschwarzen Augenbrauen fixierte er mich böse. Seinem Aufzug nach zu urteilen kam er aus der Toskana, sah aber aus, als käme er direkt aus der Hölle. Ich drückte mich, so tief ich konnte, in meinen Sitz. Am liebsten wäre ich in die Rückenlehne geschlüpft. Glücklicherweise stieg der Toskaner an einem Ort namens Stradella aus. Vater, ich und eine Dame, die seit einiger Zeit mit tief ins Gesicht gezogenem Hut in einem Winkel des Reisewagens kauerte, holperten in die Dämmerung hinein, da hielt der Kutscher plötzlich vor einer Pferdewechselstelle mit angegliedertem Wirtshaus. Unser Gepäck wurde abgeladen und von einem jungen Burschen in ein enges Zimmer unters Dach des Wirtshauses geschleppt. Dort stellte er es ab, doch statt zu verschwinden, blieb er in ergebener Haltung stehen. „Der will etwas Palanche!“, sagte mein Vater und meinte damit Trinkgeld.

Später aßen wir gekochten Reis, mit Käse abgeschmeckt, und einige Stücke Schweinefleisch. Vater trank dazu einen Vino rosso, ich bekam Wasser. Die Wirtin strich mir über den Kopf und sagte: „Iss, Bambino! Iss, du bist ja dünn wie ein Ästchen.“

Früh am nächsten Morgen sollte es weitergehen. Doch die Pferde ließen sehr lange auf sich warten. Ich wurde ungeduldig, zappelte herum, bis mir Vater auf den Hinterkopf schlug. Endlich kamen junge, derbe Kerle, die lustlose Gäule hinter sich herzerrten. Dann ging es los, viele Stunden über holprige Straßen. Einmal wurden wir so heftig durcheinander geschüttelt, dass ich mit der Nase voraus in den Schoß meines Nachbarn – eines Jesuitenpadres, der unter Wadenkrämpfen litt – purzelte.

Wir übernachteten in Piacenza, einer schmutzigen, verfallenen Stadt, der Markt war grasüberwuchert mit verwahrlosten Wallanlagen und halb verschütteten Gräben. Jedes Haus stand düster da und blickte mürrisch auf seinen Nachbarn. Gott sei Dank fuhren wir nach der ersten Speise weiter und erreichten Parma am frühen Nachmittag des folgenden Tages. Nun wollte ich weder essen noch trinken. Ich wollte nur Geige spielen. Daran war ich gewöhnt, das war mir vertraut. Meine Finger verlangten nach dem Instrument, mein Herz sehnte sich nach seiner Berührung. In Gedanken zupfte ich eine hübsche Melodie, die mir unterwegs eingefallen war.

7

Am kommenden Tag eilten wir sogleich zu Maestro Rolla und waren völlig überrascht, trotz vorsorglicher Anmeldung nicht empfangen zu werden. Er sei unerwartet erkrankt und ruhe, erklärte die freundliche Signora Rolla. „Che guaio! Für nichts und wieder nichts die lange Reise!“, knurrte mein Vater mit vor Wut grünem Gesicht. Wieder warten, dachte ich verärgert. Dabei muss ich so unglücklich ausgesehen haben, dass die Signora mitleidig vorschlug:

„Warten Sie bitte im Arbeitszimmer. Ich sehe mal, was ich für Sie tun kann. Vielleicht empfängt er Sie morgen oder übermorgen. Dann sind Sie nicht ganz umsonst gekommen.“ Bei diesen Worten öffnete uns die Signora die Tür zu Rollas Studierzimmer, wo sie meinem finster blickenden Vater einen Platz anbot.

Ich musste mich stehend gedulden. Weil ich aber nervös und aufgeregt war, wanderte ich im Zimmer auf und ab. Da entdeckte ich auf dem Tisch nahe beim Fenster eine Partitur. Sie sah so aus, als wäre sie frisch komponiert worden. Ich konnte die Tinte noch riechen. Mein Vater beobachtete mich. Während ich um die Partitur schlich wie ein Fuchs um die Beute, spürte ich Vaters stechenden Blick auf meinem ganzen Körper. Ob er wohl das Gleiche dachte wie ich? grübelte ich. Das werden wir gleich sehen. Flink packte ich meine Geige aus, stimmte sie geschwind und postierte mich vor dem Tisch. Die Partitur lag etwas schräg und die Noten schienen wie flüchtig auf die Linien geworfen.

„Worauf wartest du?“, zischte Padre Paganini. Ich hatte also richtig gehandelt. Ich unterließ es, das Blatt gerade hinzulegen, sondern folgte augenblicklich dem Befehl meines Vaters. Ohne Zögern und Stocken spielte ich die Melodie. Vater zuckte mit dem Kopf, seine Augen verloren nichts von ihrer düsteren Farbe, doch sein Gesicht leuchtete auf wie von der Sonne beschienen. Das alles erfasste ich ganz nebenbei, in wenigen Sekunden, denn gleichzeitig tauchte ich vollständig in die fremde Melodie, eroberte sie, machte sie zu der meinigen. Und da erschien Maestro Rolla. Bleich wie der Mond, das Haar in alle Himmelsrichtungen strebend, den Mund offen, so stand er vor mir. Ich hatte ihn nicht eintreten hören. Entgeistert musterte er mich. Eine Haarsträhne tanzte auf seiner Stirn wie ein Staubwedel über einem Möbelstück. Seine Augen glänzten, ja sprühten Funken. Und seine fleischige Nase bebte. War er wütend, weil ich mich ungebeten an seinen Musikstücken zu schaffen machte? Jählings unterbrach ich mein Spiel, verbeugte mich und flüsterte verlegen: Buon giorno, Signore, mi scusi! Er antwortete nicht. Er prüfte mich mit seinen glitzernden Augen. Lange verharrte sein Blick auf meinen Händen, streifte dann über meinen Arm in mein Gesicht.

„Als ich die ersten Töne hörte, sprang ich aus meinem Bett. Signora Rolla sagte, im Zimmer warte ein Zwölfjähriger, der bislang wenig in der Geige unterrichtet worden sei. Nach dem, was ich hier hörte, scheint mir das unmöglich.“

„Ist es auch!“, befleißigte sich Papà zu sagen. „Ich unterrichte den Jungen schon seit Jahren.“

Rolla musterte meinen Vater sehr kritisch. Seine Nasenflügel bebten und ein Anflug von Zornesröte färbte jäh das kranke Gesicht.

„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sie der Urheber dieses Talentes sind, Signore!“

„Ach?“ Padres Mundwinkel verzogen sich deutlich nach unten. „Jedenfalls würde es diesen Jungen ohne mich gar nicht geben.“ Innerlich kochte er vor Wut. Gott sei Dank nahm es außer mir keiner wahr. Ich hoffte für Vater, Signore Rolla forderte ihn nicht zum Spielen auf. Meine Hoffnung erfüllte sich. Rolla reagierte nicht auf Vater, sondern sah mich ergriffen an.

„In deinen Augen glüht die Musik! Sie glüht in deinem Körper und befähigt dich zu unglaublichen Dingen. Niemand kann dir beibringen, was dir der Himmel geschenkt hat. Wir armseligen Sterblichen können dich nur fördern und vervollkommnen.“ Seine Nase hatte aufgehört zu zittern. Mit einer heftigen Kopfbewegung schleuderte er die dichte Haarsträhne aus der Stirn und wandte sich erneut an meinem Vater.

„Dieser Junge braucht meine Hilfe nicht. Er handhabt die Violine wie kein anderer. Wo es noch ein wenig mangelt, ist im Kontrapunkt. Schicken Sie ihn unbedingt zu Maestro Ghiretti, Violonist bei Hofe und berühmtester Kontrapunktist unseres Landes.“

Vater hörte die Worte „herzoglich“, „berühmt“, „Violonist bei Hofe“ und schlug mechanisch die Hacken zusammen. Er war kein Kriecher, mein Vater, aber der Glanz des Ruhmes und des Geldes ließen den düsteren Menschen leuchten wie eine Laterne und bewirkten Wunder der Freundlichkeit.

„Mein Sohn ist also tatsächlich sehr begabt?“

„Begabt?“, schrie Signore Rolla auf, als habe man ihn gegen das Schienbein getreten. Er hob die Augenbrauen, bis sie in seinem Haaransatz verschwanden. „Er ist ein Genie, mein Herr! Da!“ Er hielt Vater die Partitur unter die Nase. „Da, prüfen Sie meine unleserliche Notenschrift. Der Junge störte sich nicht daran, im Gegenteil, er spielte, als habe er das Konzert selbst geschrieben.“ Bei den Worten wandte er sich an mich: „Ich rate dir übrigens, ein paar Stunden Kompositionslehre beim Hofkapellmeister Paër zu nehmen.“

Papa stand herum wie eine unvollendete Statue Michelangelos. Sein Mund klappte nach unten, die Haare klebten an seinem Kopf, die Augen quollen hervor. War er schon wieder verärgert?

„Stehen Sie nicht so lange untätig herum, Signore. Der Junge ist ein Genie, aber hat noch viel zu lernen. Vor allem in Harmonik.“

Wir blieben einige Monate in Parma. Während ich dreimal wöchentlich Harmonik bei Gasparo Ghiretti studierte und nebenbei dank Maestro Paër das Komponieren lernte, spazierte Vater durch die Stadt, wo er vermutlich seinen üblichen Geschäften nachging: Einkauf, Verkauf, Kartenspiel und Glücksspiel. Rolla hatte uns eine Herberge unweit vom Marktplatz empfohlen. Hier war es still und beim Üben blickte ich auf den Dom. Er inspirierte mich zu manchen Höhenflügen, Arabesken weit unten am Steg, Sprüngen mit dem Bogen, Zupfvarianten. War Vater unterwegs, wagte ich die kühnsten Schritte. Ich überlegte auch, wie ich die unterschiedlichsten Kunstgriffe mit zwei Händen bewerkstelligen konnte. Meine großen Hände und ihre außerordentliche Beweglichkeit erlaubten es mir, mit der linken Hand zu zupfen, sodass ich gleichzeitig den Bogen führen konnte. Wundervoll wie sich mein Daumen bis zur Handfläche biegen ließ. Das alles hörte sich noch ein wenig kläglich an, aber mit viel Übung würde es mir vortrefflich gelingen.

Hin und wieder fiel mir der Bogen aus der Hand. Meine Finger zitterten, mein Körper bebte und meine Zähne klapperten. Dann schwitzte ich und Vater meinte, ich hätte Fieber. Aber ich war nur erschöpft. Sein grimmiges Aussehen milderte sich bei meinem elenden Anblick. Er sagte, ich sehe so gespenstisch aus wie eines der marmornen Ungeheuer auf den steinalten Gemäuern des Marktplatzes. Dann nahm er mich bei der Hand und meinte spöttisch:

„Komm, ich zeig sie dir!“

„Ich will sie nicht sehen!“