Prolog

Ich heiße Marie-Eglantine Julie Thérèse Leroux und bin in einer kalten Winternacht im Jahre 1768 geboren. Durch unsere Hütte pfiff eisiger Wind, sickerte Regen, tröpfelte Schneewasser, und selten waren die Sonnentage, die uns aufwärmten. Wir schliefen auf Säcken aus Stroh unter klammen Tüchern, trugen zerschlissene, schmutzige Kleider, gingen barfuß oder in Holzschuhen. Überlebt habe ich die Misere meiner Kindheit, weil ich zäh wie Leder bin und mein Herz aus Gummi ist. Die ganze Welt kann darauf herumtreten, ohne dass es bricht. Mein Vater zerhackte sich in der Tischlerei die Finger seiner rechten Hand, dann zermalmte ihm ein Hobel das Bein. Meine Mutter starb an Gram und Auszehrung, meine Schwester am Flachsfieber, meine Brüder stahlen Silber in den Herrenhäusern, wurden an den Pranger gestellt, mit Feuereisen gebrandmarkt und dann gehängt. Bei Frau Gellé, einer hochnäsigen Frau, fand ich ein warmes Dach und Essen. dafür wurde ich schikaniert und willkürlich geohrfeigt. Ich ertrug es mit Geduld und ich vergebe ihr, weil sie mich an ihre sanftmütige Tochter Louise abtrat.

Aber meine Geschichte soll hier nicht erzählt werden, sondern die von vier Menschen, die mein Leben lebenswert gemacht haben. Einer von ihnen ist Antoine. Genial, schön und schrecklich. Man konnte ihn nicht bewundern oder verachten. Man konnte ihn nur hassen oder lieben. Ich tat beides. Abwechselnd.
Dann war da Marie. Sie sagte: «Vaterland, dein Leid zerreiβt mir das Herz. Mehr als mein Leben kann ich dir nicht geben. Wenn es hilft, dich vom Tyrannen zu befreien, hat dieses Leben einen Sinn gefunden.» Und sie gab heldenmutig ihr Leben.
Von Antoine und Marie wird man noch in hundert Jahren sprechen. Meine unglückliche Herrin Louise aber und mein armer Jacques werden vergessen. Ihnen soll diese Geschichte gewidmet sein.

 

26. Messidor im Jahre II der Revolution – nach gregorianischer Zeitrechnung 13. Juli 1793

Schlehensträucher, aufgeblühtes Geißblatt, Luftwurzeln, die wie Schlangen über den Boden krochen, Brombeerstauden, Farnkräuter und kein Pfad, kein Weg, an dem sie sich orientieren konnten. Der Himmel, verdeckt vom zitternden Laub der Buchen und Birken, war ein verwaschener Fleck in der Ferne. Graues Licht drang durch das Astwerk. Sie duckten sich ins Gezweig, krochen auf Moos, versackten in schlammigen Pfützen. Ob der warme Dampf, den sie einatmeten, vom Blut der Weißen oder der Blauen durchsetzt war, wussten sie nicht. Denn in diesem Wald versteckten sie sich alle, fielen sie alle übereinander her. Mit Bajonetten, Gewehren, Kanonen oder Piken und Heugabeln. Dieser Wald gebar Ungeheuer, seit dem Beginn des Bürgerkrieges im November 1792 oder nach neuer Zeitrechnung im Brumaire im Jahre I der Republik.
Die hier schon die halbe Nacht durchs Gestrüpp schlichen, warteten auf den Ruf der Eule, den Ruf von Jean Cottereau. In ihren, vom Dreck geschwärzten, Ziegenfällen, ihren rußigen, finsteren Gesichtern und mit den zottigen Haaren sahen sie aus, als entstiegen sie geradewegs der Hölle. Mord und Totschlag hatten sie gezeichnet. Auf dem Weg von Fougères bis in den Wald von La Saudraie hatten sie alles ausgeräuchert, was nach Patrioten roch. Durch viele Orte sind sie gezogen, Ströme von Blut hinter sich lassend. Gestern noch warfen sie auf Befehl zehn lebende Patrioten in einen Brunnen und ertränkten sie in heißem Öl. Ihre Vorbilder hießen La Rochejaquelein, d’Elbée und Charette, doch ihr Führer war Jean Cottereau, den sie in bretonischem Dialekt «le Chouan» nannten. Jean Chouan, die Eule, würde kommen, sie zu sammeln, um die Kräfte gegen jene zu vereinen, die ihre Priester umbrachten, Kirchen und Klöster in Bordelle verwandelten und den König köpften. Manche von den wilden Männern in Ziegenfällen waren einst Revolutionäre der ersten Stunde gewesen. Der allerersten Stunde. Sie hatten die Stürmung der Bastille bejubelt und sich für die Beschwerdehefte begeistert. Sie pflanzten den Freiheitsbaum, denn die Freiheit war ein Fest. Und der König sollte König, Gott sollte Gott und die Kirche Kirche bleiben. Doch der Konvent hatte sie betrogen. Er goss Kanonen aus Kirchenglocken, Gewehrkugeln aus Silberbesteck und machte aus dem Altar ein Hurenbankett.
Jacques starrte seine Hände an. Sie waren hässlich, und krustig vom Blut. Er war ein Feigling, ein Abtrünniger, ein Lüstling. «Seid schlimmer als die Blauen. Keine Schonung, keine Gnade. Vernichtet sie alle!», so echoten in ihm die Schreie des Bandenchefs und er erschrak vor sich selbst bei der Erinnerung, wie er in die schauderhafte Truppe geraten war. Aus Angst. Er fühlte sein Leben bedroht und wollte es behalten. Er war erst 24 Jahre alt. Vielleicht dachte er dabei auch an Thérèse. Ein Mann der liebt, rettet seine Haut, hatte sie einmal gesagt. Und er wurde ein Chouan, so wie mancher ein Verlierer wurde.

Jetzt, in diesem Augenblick, in diesem Moment der schrecklichen Stille, in der nur die Schritte des Todes widerhallten, fing er an zu weinen. Im Schleier seiner Tränen flossen Bilder und fielen wie Blätter in seinen Schoß. Louis-Antoine, Louise, das Zimmer in Blérancourt, Thérèse, dann der Garten in der rue Saint-Jean und die engelsgleiche Marie. Sie glühten vor Zuversicht. Sie waren verliebt in das Leben, die Politik und die verbotene Liebe. Was war aus den Hoffnungen geworden? Hass und Terror. Ein inneres Beben ließ seine Glieder zucken, seine Zähne schlugen gegeneinander, sein Herz stolperte und klopfte mit einem Male aufgeregt. Finster glotzten ihn die Kameraden an. In ihren Haaren hingen Blattreste, auf der Ziegenhaut klebten Brombeerzweige und Dornen. Sie hießen, wie sie aussahen: Kriechfuß, Klau-das-Brot oder Brise-bleu. Nur Jacques hieß Jacques, das hatte ihn die ganze Zeit schon verdächtig gemacht. Er musste vorsichtig sein, denn sie ahnten, dass er keiner der ihren war. Wenn er diesem unheimlichen Dickicht lebend entrann, wenn er es schaffte, der mörderischen Bande zu entwischen, wenn es ihm auf seinen kaputten Füßen gelang, dem Grauen aller bretonischen Wälder zu entfliehen und unterwegs einem toten Patrioten seine Uniform abzunehmen, dann würde er auf bloßen Füßen nach Paris gehen und jenen aufsuchen, den er liebte und der dieses Blutvergießen ebenso hassen musste wie er.
Sie lauschten auf den Ruf der Eule. Zusammengekauert, atemlos vor Angst, eingehüllt in ihren Gestank nach Ziege, Schweiß und Blut. Als es raschelte, schraken sie hoch und ihre bleichen Gesichter zuckten grell auf. Es war ein Wasserhuhn, das durchs Gezweig flog. Einen Augenblick ließ ihre Spannung nach. Für den Bruchteil einer Sekunde wiegten sie sich in Sicherheit, klammerten sich an die Sätze ihres Chefs: Dort wo ihr seid, finden euch die blauen Kanaillen nicht, weil sie auf dem Weg dorthin in den Sümpfen ersaufen. Da, wieder ein Rascheln, ein Knacken, dann Stille. Diese unheimlichen, immer wiederkehrenden Geräusche flößten dem verstörten Mann Tropfen für Tropfen Entsetzen ein. Und dann, ganz plötzlich spürte Jacques die Nähe des Feindes, hörte sein Atmen aus dem Gebüsch, meinte zwischen den Zweigen funkelnde Augen und die schwarzen Läufe der Gewehre zu erkennen. Sie waren umstellt, er fühlte es so sicher wie er die schlüpfrige Erde unter sich fühlte. Wie hatten die Blauen es geschafft, bis hierher vorzudringen? Um das Versteck der Chouans lag ein Kreis von Sumpflöchern und nur Eingeweihte kannten die gefährlichen Stellen. Zwei Handbreit hinter ihm war so ein Loch. Geräuschlos rutschte er. Ist es besser im Morast zu verrecken oder von Schüssen zerfetzt zu werden, fragte er sich. Da prasselte der Kugelregen auf sie nieder. Die Luft erzitterte unter dem Höllenfeuer von Gewehren und Pistolen, vom Geschrei der Angreifer und Brüllen der durchsiebten Opfer. Minuten dehnten sich zu einer Ewigkeit, dann brach der Schrecken so abrupt ab, wie er begonnen hatte. Durch die grauenhafte Stille hallte nur noch das Stapfen der Soldaten und das Kommando des Führers: Hauen wir ab! Falls noch einer atmet, tut er das in dieser Pampe nicht lange.

Jacques meint zu ersticken. Er lag tief im Schlamm, wagte sich nicht zu rühren. Auch als er nichts mehr hörte, bewegte er sich nicht. Die Zeit schien ihm endlos. Und sie schien ihm unheimlich. Schmieriger Brei rann seine Kehle hinunter, grub sich in seine Nasenlöcher. Vorsichtig schob er den Mund an die Luft, um atmen zu können. Allmählich tauchte sein Gesicht auf, seine Arme, sein Körper. Er sah nichts, seine Lider waren verklebt, seine Hände zu schlammig, um seine Augen zu säubern. Er zog sich aus. Den stinkenden Ziegenmantel, die von Blut und Schlick voll gesaugten Hosen. Er zog sich bis auf die Haut aus. Nur die Schuhe behielt er an. Den Brief von Marie las er ein letztes Mal und zerfetzte ihn in tausend Schnipsel. Dann stapfte er über die zerschossenen Leichen hinweg, wich einem kleinen Sumpfloch aus, trat sich einen Pfad über Wasserlilien, Wiesennarzissen, Frühlingssafran und jene kleinen Blumen, die schönes Wetter ankündeten. Vor ihnen blieb er verwundert stehen. «Wenn ihr hier wachst, wo alles um uns herum in Blut versinkt, dann muss das einen Sinn haben», sagte er gerührt. Nackt wie er war, bückte er sich und pflückte einen kleinen Strauß. Niemand war zu sehen, nichts zu hören, außer dem Schmatzen und Seufzen der Natur. Unbeirrt, die Nase in die winzigen Blütenköpfe gesteckt, ging er weiter. Sein Orientierungssinn leitete ihn aus dem Dickicht heraus.
Er hatte keine Angst mehr. Weder vor dem Tod, noch vor dem Leben. Deshalb interessierten ihn auch die Uniformen der beiden toten Patrioten nicht, über die er am Ausgang des Waldes stieg. Er wunderte sich nur, dass sie noch ihre Kleider auf dem Leib hatten. Er war barfuß, denn die mit Eisen beschlagenen Stiefel der Chouans hatte er mittlerweile von sich geschleudert. Nichts sollte verraten, wer und was er war. An einer Lichtung angekommen, legte er sich in das duftende frische Gras, rollte mehrmals hin und her. Dann steckte er die Blumen hinters Ohr, blieb auf dem Rücken liegen und schaute still in den Himmel. Von Fern grollten Kanonendonner und Schreie. Schüsse zerfetzten die Luft, Rauch stieg aus den Wipfeln der Buchen, Eichen und Birken. Und inmitten des Grauens brach der Morgen an. Schön, majestätisch, und erfüllt von der Liebe zum Leben. Weit über Jacques zog ein großer Vogel seine Bahn. Jacques´ Herz klopfte bei seinem Anblick. Eigentlich könnte er jetzt sterben. Aber er wollte Marie noch einmal sehen. Und ihn. Vor allem ihn. Er liebte ihn mehr als einen Bruder. Louis-Antoine Léon de Saint-Just.

 

Erster Teil

La silhouette de Saint-Just est assez ample
Pour inspirer à chacun sa vérité –
Die Gestalt von Saint-Just ist vielfältig,
so dass jeder darin seine Wahrheit findet

Bernard Vinot

1

Frühjahr 1785
«Louise, Louise!», klang es vom Garten herauf. Seine Stimme ließ ihren Körper vor Freude erbeben, die Bürste fiel ihr aus der Hand und mit gelöstem Haar sprang sie ans Fenster. Er stand am Gartentor, winkte gut gelaunt mit einer Hand, während er die andere im Rücken hielt. Achtlos steckte sie ihr Haar hoch und jagte die Treppe hinunter. Es war ein heller Junitag, die Luft roch nach Blüten und die Sonne stand direkt über ihm, als wollte sie ihn anstrahlen. In seinem kastanienbraunen Haar glänzten goldene Strähnen, seine Haut schimmerte wie die einer hübschen Frau, seine Augen leuchteten, doch Louise starrte fasziniert auf den schön geschwungenen Mund, der sie noch kein einziges Mal geküsst hatte.
«Florelle!» Er liebte es, bei seinem Dichternahmen genannt zu werden, das wusste sie. Und sie wollte alles tun, was er liebte. Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Dann schwang er mit einer großartigen Geste den linken Arm hinter seinem Rücken hervor und hielt ihr einen bunten Blumenstrauß unter die Nase.
«Für dich, ma douce Louise!»
«Wo hast du sie her?», fragte sie errötend, weniger aus Neugierde als aus Verlegenheit.
«Die meisten habe ich in unserem Garten gepflückt. Die Rosen aber, die erstand ich unter Todesgefahr.» Ein spitzbübisches Lächeln ließ seine Augen sprühen. Da sie vor Verliebtheit kein Wort herausbrachte, lachte Louise einfach mit.
«Gehen wir spazieren?» Er reichte ihr den Arm.
«Oh, nichts lieber als das!» Mit der Bitte, jede einzelne Blume in einer schönen Vase mit frischem Wasser zu ordnen, übergab sie ihrer Dienerin Thérèse den Strauß und hakte sich bei Florelle unter. Während sie spazieren gingen, redete Florelle. Er erzählte vom Oratorium in Soissons, von der Mathematikarbeit und von seinen Landschaftszeichnungen, mit denen er die Lehrer zusätzlich verblüffte. Und Louise hörte zu. Sie gingen am Feld entlang zu einer Wiese bis zu einem Hügel. Dort blieben sie stehen. Bewundernd sah Louise an ihrem Begleiter hoch.
«Du kannst alles, Florelle. Rechnen, schreiben, zeichnen, musizieren.»
«Und dichten!» Er stellte sich in Positur und deklamierte: «‹Es ist ein Unglück, dass wir sie verjagten›, sprach Organt ‹all die Götter der alten Zeiten. Waren sie nicht so viel wert wie unsere? Oh, wenn ich nur die Macht besäße, ich hätte die alte Zeit bald gerächt und vom göttlichen Himmel gefegt. Engel und Heilige, ob im schwarzen oder im weißen Rock … ›». Florelle, der eigentlich Antoine hieß, unterbrach sich, denn Louise war plötzlich blass geworden.
«Dürfen wir so sprechen?», fragte sie zaghaft.
«Wir müssen wagen!» Mit ausgebreiteten Armen und großen, in die Ferne gerichteten Augen fuhr er in seinem Vortrag fort, wobei er plötzlich das Thema wechselte: «Je veux avoir une gente maîtresse. Je n’entends point par gente une déese … qu’elle ait un coeur ouvert, une taille gentille. Qu’elle soit douce et que son oeil pétille – Ich wünsche mir eine anmutige Geliebte, keine göttliche Kreatur. Wenn nur ihr Herz offen ist, ihre Taille schmal, wenn sie nur zärtlich ist und ein wenig verschmitzt … » Während er deklamierte, hatte er stur an Louise vorbei gesehen. Plötzlich verstummte er und senkte den Blick. Louise verstand seine Reaktion nicht und machte gerührt einen Schritt auf ihn zu, da mit einem Mal versteifte sich der Körper des jungen Mannes und scheu drehte er sich von ihr weg.
«Wir sollten zurück. Man wird sich Sorgen um uns machen!», sagte er schnell.

«Ach, Thérèse! Was ist nur mit ihm?»
Aufgewühlt fiel Louise aufs Bett. Um ihr das Atmen zu erleichtern, lockerte ihr die Zofe das Mieder. «Er bringt Blumen, holt mich zum Spaziergang ab, tut aber alles, um mich ja nicht zu berühren. Als ob er sich an mir verbrenne, hält er sorgsam Abstand. Gefalle ich ihm nicht? Thérèse, sag es mir!»
Bekümmert sah sie die Dienerin an.
„Es gibt keine Hinweise, dass Sie ihm nicht gefallen, Madame!»
«Und warum ist er dann so … so vorsichtig? Er braucht mich doch nicht zu fürchten! Wir kennen uns seit Kindertagen. Als er vor Jahren mit seinen Eltern in das Haus am westlichen Ortsrand zog, war ich es, die sich ihm näherte.» Leidenschaftlich sprach sie weiter: «Er ging auf niemanden zu. Oft war er allein. Nachdenklich und still durchstreifte er die Wege am Ortsrand, selten sah man ihn im Dorf. Wir wurden Freunde. Spielgefährten.» Tränen schossen ihr in die Augen. «Aber weißt du, Thérèse, ich bin nun achtzehn und herrliche Gefühle durchfluten mich, wenn ich an ihn denke. Und ist er dann bei mir, möchte ich in sein Haar fassen, das glänzt wie dunkles Gold. Ich möchte seine Haut mit den Lippen berühren, sie liebkosen.» Erschöpft legte Louise ihren Kopf an die Schulter der Zofe. «Und ich möchte seine Hände auf meinen Brüsten spüren und seine Lippen auf meinem Mund. Verstehst du das, Thérèse?» Ohne deren Antwort abzuwarten, seufzte sie: «Aber vielleicht bin ich für ihn eben nichts weiter als ein Freund, eine Kameradin. Oh, es wird mich umbringen, sehe ich ihn eines Tages am Arm einer anderen aus dem Dorf.»

Oft spazierten die beiden hinaus zu jenem Hügel, in dessen Schutz sie niemand sehen konnte und Antoine sie hätte küssen und liebkosen können. Stattdessen holte er genau an dieser Stelle immer einen Papierbogen aus seiner Hosentasche und las Louise sein jüngstes Gedicht vor. An einem dieser Tage befand sich Louise in erregter Anspannung und wäre mit Antoine am liebsten ans Ende der Welt geflüchtet. Als er dann enthusiastisch sein Gedicht deklamierte, war sie sicher, dass er ihr seine Verliebtheit signalisieren wollte. «Diese Stunde ist die Stunde der Liebe… », rief er und ging mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, «in diesem Augenblick werden Menschen zu Menschen. Ein Schäfer ist in den Armen seiner Schönen glücklicher als ein König in den Armen einer Königin… .» Sie kam ihm entgegen. Während er wie in Trance weiterdeklamierte, als stände er auf einer Bühne, hob er sie hoch, drehte sich mit ihr im Kreis, bis ihm schwindlig wurde und beide ins Gras fielen. Sekundenlang blieben sie reglos liegen. Erhitzt starrte Antoine auf die Lippen des Mädchens, schien aber unfähig, sie zu küssen. Louise hingegen sah ihm in die Augen und mit einem Schlag begriff sie seine Schüchternheit. ‚Er ist ein Jahr jünger und hat noch nie eine Frau im Arm gehalten! So ist es! Ich kann ihm auf die Sprünge helfen. Jetzt oder nie,’ dachte sie, schlang die Arme um seinen Nacken und drückte ihm einen langen Kuss auf die Lippen. Hilflos erwiderte der junge Mann den Kuss und wurde dabei knallrot.
«Ich wollte … dir … noch einen anderen Vers vortragen!», stotterte er, als er Atem schöpfte. Erregt sprang er hoch, ging rückwärts, stolperte und fing sich wieder. Louise ordnete verwirrt ihr Kleid und stand ebenfalls auf. In der peinlichen Stille druckste er herum, suchte nach Worten und stakste als habe er die Stimme verloren.
«Mir fällt es nicht ein!», stotterte er verlegen. Doch Louise strahlte vor Glück.
«Ich hab das Gedicht dennoch gehört, Florelle! Es ist wunderschön.»
Sie streckte die Hand nach ihm aus. Er ergriff sie und schweigend spazierten sie Hand in Hand bis zum Ortseingang.

Natürlich erzählte Louise sofort ihrer Zofe was sich abgespielt hatte.
«Ach, Thérèse, jetzt weiß ich, dass er mich mag. Er ist nur so schrecklich schüchtern.»
«Das legt sich schnell, Madame! Wenn er einmal gemerkt hat, wie schön die Liebe ist, wird er nicht mehr davon lassen können.»
Zwei Tage schwebte Louise auf Wolken, dann fiel sie plötzlich hart auf die Erde zurück. Am Nachmittag des dritten Tages stand sie, noch immer im Nachtkleid, erneut am Fenster ihres Zimmers und starrte auf das Gartentor. Er kam nicht. Sie wartete einen weiteren Tag, dann setzte sie sich aufs Bett und jammerte:
«Was soll ich tun, Thérèse? Er kommt nicht. Ich kann nicht zu ihm. Was habe ich falsch gemacht?»
«Sie haben nichts falsch gemacht, Herrin. Aber mit den Mannsbildern ist es eben wie mit den Pferden. Einmal Hü und einmal Hott!»
«Du redest Unsinn! Es muss irgendetwas passiert sein!»
Unruhig ließ sie sich von ihrer Dienerin ankleiden und beschloss, in einem günstigen Moment mit Thérèse bei der Familie Saint Just vorbeizuschauen. Kaum war sie angezogen und gerichtet, betrat ihre Mutter das Zimmer.
«Hör auf, nach diesem jungen Schnösel zu schmachten. Normalerweise macht der Mann der Frau den Hof, nicht umgekehrt!»
«Er muss seine Aufgaben fürs Oratorium erfüllen. Deshalb kommt er nicht!», entschuldigte ihn Louise hastig. Frau Gellé winkte ab.
«Dumme Ausreden! Wer verliebt ist, hat Flügel und pfeift auf Schularbeit.»
«Sie täuschen sich, Mutter! Antoine liebt mich, aber er ist sittsam und gut erzogen.»
Louise wirkte beherrscht, obwohl die Worte ihrer Mutter sie beleidigten. Diese schleuderte noch eine weitere Gemeinheit hinterher:
«Wenn er dich liebt, dann nur, weil du eine Gellé bist. Warum sollte er dich sonst lieben?»
Madame Gellé wartete keine Antwort ab. Das bestürzte Gesicht ihrer Tochter genügte ihr. Zufrieden drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Kurz darauf hörte Louise die Haustür schlagen. Frau Notar Gellé eilte in ihr Stoff- und Tuchgeschäft im Ortskern. Erst jetzt vergrub Louise ihr Gesicht im Kissen, schlug sich mit den Fäusten gegen die Schläfen und hätte auch Thérèse nicht wahrgenommen, hätte diese sie nicht heftig geschüttelt und hochgezogen.
«Mademoiselle, schnell! Monsieur de Saint-Just hat schon dreimal nach Ihnen gerufen. Beeilen Sie sich, sonst läuft er womöglich noch weg.»

Sie hatte sich mit einigen Spritzern Wasser die Tränen weggewaschen, doch ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen blickten noch traurig als sie ihm gegenüber stand.
«Du siehst schön aus!», waren seine ersten Worte. Auf dem Weg zum Hügel außerhalb des Ortes sah er sie hin und wieder scheu an, kickte Steine zur Seite, aber blieb schweigsam. Louise rang mit sich, fürchtete eine falsche Geste oder ein dummes Wort und zog es schließlich vor, ebenfalls zu schweigen. Hinter dem Hügel sanken sie ins hohe Gras, sagten nichts und sahen aneinander vorbei. Um die verlegene Stille zu durchbrechen, fragte Louise, ob er ihr sein neues Gedicht vortragen wolle.
«Ich habe in den letzten Tagen gedichtet. Aber ich habe auch gemerkt, dass es etwas Schöneres gibt als zu dichten.» Endlich sah er sie an. Immer noch scheu aber voller Sehnsucht. ‚Oh, dieser Junge! Er traut sich nicht’, dachte Louise. Und plötzlich war ihr gleichgültig, wofür er sie liebte. Sie wünschte nichts Anderes, als sich an ihn zu schmiegen. Ohne zu zögern schlang sie die Arme um seinen Nacken und zog ihn an sich. Sie küsste ihn wie beim ersten Mal. Diesmal war Antoine wie verwandelt. Er genoss ihre Lippen, ihre Zärtlichkeiten.
Solange es hell war, taten sie nichts Anderes. Sie streichelten sich, erkundeten mit den Lippen ihre Gesichter, schmiegten sich, versunken im Anblick des Anderen, aneinander.. Bis sich der Abend ankündigte. Erstaunt sahen sie in den Himmel. Es war ihnen nicht aufgefallen, wie schnell die Zeit vergangen war.

Antoine fand immer größeren Gefallen an ihren Treffen und bald legte sich seine Verlegenheit und er wurde ziemlich kühn. Er küsste ihre Arme, ihren Hals, ihr Dekolleté. Als sie aber eines Tages den Ausschnitt ihres Kleides aufhakte und ihm ihre Brüste zeigte, wurde er wieder knallrot und sehr verlegen.
Bei einem ihrer Spaziergänge hatten sie sich in südlicher Richtung weit vom Dorf entfernt und waren auf die Reste einer Ruine gestoßen. Louise hatte immer davon geträumt, ihre Jungfräulichkeit an den Mann ihres Herzens zu verlieren. Egal wie unerfahren er war und es machte ihr auch nichts aus, dass sie den Genuss, den sie ihm bereitete, noch nicht empfinden konnte. Entscheidend für ihr Glück war, mit dem Mann zu schlafen, den sie liebte. Wie vielen jungen Frauen war dieses Glück vergönnt?
«Es ist schön mit dir, Florelle», flüsterte sie. Und Antoine, der sich linkisch angestellt hatte und den Gewissensbisse quälten, weil es schneller gegangen war, als er wollte, zog sie an sich und sagte:
«Und es ist wunderschön mit dir, Louise. Du bist ganz anders als die Mädchen aus unserem Ort.»
«Auch du bist anders als die dummen jungen Männer. Du bist klug und schön.»

Die Sonne verschwand allmählich hinter dem Hügel. Ein violettes Licht sank auf die Felder. Sie waren wieder auf dem Rückweg. Diesmal hatten sie sich länger geliebt und Antoine war stolz auf sich. Zum ersten Mal hatte er Louise ganz glücklich gemacht. Er blieb stehen und sah sie intensiv an. Ihre Bernsteinaugen strahlten im letzten Feuer des Tages.
«Du hast das Auge einer Löwin und die Sanftheit eines Rehs. Sag mir die Wahrheit: Bin ich gut?»
«Ich glaube es ganz fest.»
«Ich liebe dich dafür. Dein Auge soll mein Spiegel sein.»

Sie scheuten sich nicht, gemeinsam durch den Ort zu spazieren. Allerdings vermieden sie es, Händchen zu halten. Louises Eltern gefiel die Sache nicht. Notar Gellé, der seine Macht über das Dorf hinaus ausdehnte und nebenbei seinen Reichtum durch Holzhandel, Steuereintreiben und dem Kriechen vor den Grundherren vermehrte, sah in der Freundschaft eine Kinderei, die er beenden würde, sollte sie seine Pläne durchkreuzen. Seine Frau wiederum hatte feinere Antennen für menschliche Beziehungen, ohne deshalb ein feinfühliger Mensch zu sein. In der Freundschaft ihrer Tochter mit Louis-Antoine de Saint-Just mutmaβte sie die blinde Leidenschaft einer aufblühenden Frau und die Neugierde eines unerfahrenen Jünglings. Vorsichtshalber blieb sie der Sache mit Argusaugen auf der Spur und vergaß dabei nicht, hin und wieder ein paar scharfe Bemerkungen fallen zu lassen, die Louise ins Herz schnitten.

Dreimal in der Woche und meistens im Morgengrauen traf sie deshalb Antoine nur noch heimlich. Louise, die es nicht erwarten konnte, in seinen Armen zu liegen, war immer vor ihm da. Verdeckt von den dichten Wacholderbüschen, am Fuβ des zerstörten Turmes, beobachtete sie seine Ankunft. Sie beneidete den Wind, der durch sein Haar strich, sie beneidete die Steine, das Gras, die Erde unter seinen Füßen. Sie war eifersüchtig auf die Natur, die ihn liebkoste, bevor sie es tat, eifersüchtig auf den Himmel, der ihm zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Gesicht blicken konnte.
Seit er seine Hemmungen überwunden hatte, gab sie sich ihm völlig hin, seinen verlangenden Lippen, seinen fiebrigen Händen, die ihr Unterkleid aufschnürten, den Rock öffneten. Allmählich fand sie großen Genuss an dem Spiel, denn er liebte sie aufmerksam und vorsichtig. Louise schmiegte sich in seine Bewegungen und im Rausch ihres Glücks versank jedes bedrohliche Geräusch und sie spürte das harte Moos- und Steinlager nicht mehr.
«Ach, Louise, die Liebe und die Poesie sind das schönste auf Erden. Wir lieben uns und mit meiner Dichtung komme ich auch gut voran. Ich bin schon am vierten Buch. Es ist sonderbar, aber die Worte fließen ganz leicht aus der Feder. Wird dein Vater allerdings einen dichtenden Schwiegersohn akzeptieren?» Er beugte sich vor und sah ihr in die Augen. Louise antwortete mit einem Kuss. «Lenke nicht ab, Geliebte! Poeten verlacht der nüchterne Mann. Ich muss ihm beweisen, dass ich zu mehr tauge als nur zur Dichtkunst.» Er drehte das Gesicht nach oben und sah in den blassen Himmelsfetzen, der durch das zerfallene Gemäuer blitzte. «Ich will es auch mir beweisen. Ich will hoch hinaus. So weit!» Er wies in die Spitze der Turmruine. Louise zog ihn an sich und umfasste sein Gesicht.
«Ich wünsche dir von Herzen eine glorreiche Zukunft, mein Geliebter. Wenn sie dich nur nicht von mir entfernt. Das würde ich nicht überleben.»
«Warum sollte sie? Blérancourt braucht gebildete Männer, die den einfachen Leuten zur Hand gehen. Die meisten können weder schreiben noch lesen.»
«Es ist nicht leicht, meinen Vater für dich zu gewinnen, und wer in unserem Ort vorankommen will, ist auf ihn angewiesen. Ich werde alles tun und wenn er dich ablehnt, fliehe ich mit dir ans Ende der Welt. Wenn es sein muss im Unterrock.»
«Das werden wir nicht tun! Am Ende der Welt kann ich keine Karriere machen. Ich werde die Jurisprudenz studieren und werde deinen Vater verblüffen. Dann wird er mich schätzen und mich zu seinem Stellvertreter machen und dann … » Verträumt blickte er hinauf in den verwaisten Turm, der sich majestätisch, aber auch düster, in den Himmel erhob: «Und dann könnte ich mir vorstellen, mit dir, der Frau meines Herzens, zu leben und Kinder zu haben.» Er küsste Louises Sommersprossen. «Du liebst mich doch und glaubst noch immer an mich, nicht wahr?» Er sah sie eindringlich an.
«Oh, nichts ist gewisser, Liebster!», rief sie leidenschaftlich. «Du bist mein erster Mann, mein erster Geliebter. Es wird nie einen anderen geben.»
«Schwöre es!»
«Ich schwöre es, Florelle, obwohl du mir auch ohne Schwur glauben solltest.»
Antoine sprang auf. Helligkeit drang durch die Mauerritzen.
«Gehen wir jetzt. Der Tag bricht an.»

*

Antoine näherte sich vorsichtshalber von Süden dem Elternhaus. Auf dem Feldweg begegnete ihm zu dieser frühen Tageszeit niemand und der Bauer vom Hof gegenüber lag noch im Bett. Nichts als Felder, ein paar Buchen und Vogelgezwitscher rings um ihn. Von den Wiesen stieg der morgendliche Dunst auf, am Horizont schimmerte der anbrechende Tag. Fröhlich pfiff er vor sich hin und blickte in den Himmel. Seine Lehrer am Kollegium Saint-Nicolas prophezeiten ihm eine brillante Zukunft und schon sein Großvater hatte ihn für sein ungewöhnliches Gedächtnis gelobt, als er erst sechs Jahre alt war. Damals wohnte die Familie im großväterlichen Haus, in den Flussarmen der Loire, und noch heute erinnerte er sich gerne an jene schöne Zeit. Er liebte es, auf Bäume zu klettern, durch Wiesen und Wälder zu pirschen, wo er sich die Knie aufschürfte und seine Hosen zerriss. Aber besonders liebte er die Debatten seines Großvaters, seines Vaters und den beiden Onkels. Dabei ging es manchmal so hitzig her, dass der kleine Louis-Antoine heiße Ohren bekam und sein Herz vor Spannung klopfte. Der Großvater war in einen Rollstuhl gefesselt, seine Arme stießen gebieterisch in die Luft, wenn er mit mächtiger Stimme und zornig rotem Gesicht, die Erhebung der Brückenzölle oder die widerrechtliche Landaneignung der Landherren anprangerte. Louis-Antoine blieb nichts anders übrig, als mit offenem Mund zuzuhören. Der Raum erzitterte unter den aufgeregten Diskussionen. Ihre Worte donnerten in Antoines Ohren und bald schon wurde auch ihm bewusst, wie ungerecht das Verhalten der Seigneurien war. Allmählich verstand er, warum sich zwischen den adeligen Landherren und den Bürgern Wut staute, die irgendwann explodieren musste. Er bewunderte seinen Großvater, der sich nicht alles gefallen ließ und mutig für kommunale Freirechte eintrat. Léonard Robinot war königlicher Notariatsrat und Staatsanwalt in der Burgvogtei Décize gewesen und hatte nebenbei Buch über die Salzspeicher geführt. Zweimal hatte man ihn zum Staatsschöffen ernannt, aber nie verlor er das einfache Volk aus den Augen, die armen Frauen und Männer, die für ein Pfund Brot 15 Stunden täglich arbeiteten und die sechsjährigen Kinder, die Sandsäcke schleppten. Sein Großvater war ein bewundernswerter und ein angesehener Mann gewesen. Er stand weit über Gellé. Und da Louis-Antoine vorhatte, selbst seinen Großvater eines Tages zu überflügeln, weshalb sollte er also diesen Notar Gellé fürchten?
Bevor er ins Haus ging, schaute er nach seiner Stute im Schuppen hinter dem elterlichen Gebäude. Er tätschelte ihren Hals, drückte ihr seine Lippen auf die Stirn.
«Ich bin ein glücklicher Mann. Das schönste und begehrteste Mädchen von Blérancourt liebt nur mich. Meine Aussichten sie zu heiraten, sind ausgezeichnet, denn wer eignet sich besser zum Schwiegersohn des fürchterlichen Notars Gellé als ich? Er muss doch froh an mir sein. Ich bin nicht nur ein geeigneter Nachfolger, ich bin auch die große Liebe seiner Tochter. Das ist ein Glücksfall, den ein Vater schätzen muss, nicht war, Mésange?» Er zwinkerte der schönen Stute zu und sprang gutgelaunt zum Haus. Das Fenster seines Zimmers war noch angelehnt, er stieß es nach hinten und wollte sich eben hinein schwingen, da hörte er wie die Haustür heftig aufgerissen wurde. Eilige Schritte jagten durch den Vorgarten, und er verzichtete diesmal darauf, wie ein Dieb ins Haus zu schleichen.
«Solange sie keine Schwierigkeiten bringen, sind mir deine Morgenspaziergänge egal. Solltest du dabei allerdings wieder eine Dummheit aushecken, warne ich dich! Gestern Morgen hat dich jemand beobachtet, wie du in Notar Gellés Garten mit wilden Stockschlägen die Rosen geköpft hast.»
«Ich ging nicht unerlaubt in seinem Garten, Mutter! Ich bin doch kein Bettler. Die Rosen hingen in den Weg und haben mir das Gesicht zerkratzt.»
«Wo auch immer sie hingen, mein Sohn. Du bist alt genug, deine Wut zu zügeln! Du kannst nicht mehr um dich schlagen und beißen, wie du es als Kind getan hast. Nimm dich zusammen! Mach einen guten Eindruck! Tu etwas vernünftiges, statt dich herumzutreiben! Ich will mich deiner nicht immer schämen müssen.» Sie drehte sich um und ging schnaubend ins Haus zurück. Ihre letzten Sätze trafen Antoine. Hatte er um sich geschlagen und gebissen, als er klein war? Musste man sich seiner schämen? Er war doch stets ein fleißiger, arbeitswilliger Junge gewesen und daran sollte sich nichts ändern. Manchmal meinte er, seine Mutter wolle nichts Gutes an ihm sehen. Seine Anstrengungen taugten nichts, sein Lebensstil war verwerflich. «Dein Vater hat sein halbes Leben in der Kavallerie verbracht und zu Pferde im spanischen Erbfolgekrieg und im siebenjährigen Krieg gekämpft, während du als Müßiggänger durch die Wälder galoppierst. … Dein Vater hatte sich in deinem Alter zur Gendarmerie gemeldet, statt herumzulungern und Gedichte zu schreiben … »
Betroffen blickte er an dem Haus aus hellem Bruchstein hinauf. Sein Blick blieb am Stufenlauf des Giebels hängen. «Es sind viele Schritte zur Spitze und niemand wird mich hindern, sie zu erklimmen», murmelte er. «Ich bin kein Träumer, nein! Meine Ziele haben Hand und Fuß.» Er wandte sich dem Eingang zu und drehte entschlossen den Türknauf. Aufrecht trat er in die Küche, wo seine Mutter gerade dabei war, Ringe über die Feuerstelle am Herd zu legen.
«Ich wärme eine Kanne Wasser, denn wie ich den jungen Herrn kenne, will er sich waschen!» Sie schien gnädiger gestimmt, setzte einen Kessel auf, öffnete die Ofentür und schürte das Feuer.
«Danke, Maman! Lassen Sie sich aber gesagt sein, dass ich mindestens so eine brillante Zukunft vor mir habe wie Vater oder Großvater Léonard. Ich werde Louise Gellé heiraten und Notar Gellé als … ». Er unterbrach sich, denn seine Mutter glotzte ihn mit ihren vortretenden Augen verdutzt an.
«Ha, du glaubst im Ernst, dass dich Louise zum Mann nimmt?»
«Das glaube ich sehr wohl. Wir treffen uns fast täglich und lieben uns. Im Dorf heißt es, wir passen zusammen!»
«Oh, ihr passt zusammen, solange das elegante Fräulein Gellé von dir nicht gefüttert werden muss. Wovon willst du ihr einen Hausstand bieten?»
«Maman!», rief Louis-Antoine aufgebracht. «Nach meinen Studien werde ich als Notar arbeiten. Louise wird ein gutes Leben führen. Ich liebe sie!»
«Liebe!» Madame de Saint-Just winkte abfällig ab. «Dem geldgierigen Gellé ist Liebe zu billig. Denk an mich.»
Die Tür quietschte. Marianne taumelte verschlafen in die warme Küche. Sie trug noch ihr Nachtgewand, ein an Manschetten und Saum zerfranstes unförmiges Hemd. Die nachlässig geknotete Haube um das zerzauste braune Haar unterstrich ihr unschönes Aussehen. Misslaunig wollte da Louis-Antoine wissen, warum fast die ganze Familie so früh auf den Beinen sei.
«Mein Sohn, der du mit deinen Gedanken immer in die Ferne schweifst, dir ist es sicher entgangen, dass wir keinen Diener und keine Köchin mehr haben! Die bescheidene Rente eures Vaters erlaubt mir nur eine Magd und einen Knecht. Vielleicht muss ich bald den Knecht entlassen.»
«Himmel, ich bin noch sehr jung, Maman! Warum wollen Sie nicht das Ende meiner Studien in zwei Jahre abwarten? Dann kann ich Ihr Leben erleichtern.»
«Und ich werde zu Gott beten, dass deine Louise dich zum Mann will.»
«Laden wir sie ein und testen wir, ob sie meinen Bruder wirklich liebt!» Marianne streckte sich ein wenig und begrüßte Louis-Antoine mit einem schwesterlichen Kuss. Eher aus Höflichkeit entgegnete der Bruder die Geste. Er war beleidigt. Kühl nahm er von der Mutter die Kanne mit dem warmen Wasser entgegen und zog sich in einen Raum zurück, der von der Küche durch einen Vorhang getrennt war. Er wusch sich am ganzen Körper und schäumte auch das Haar. Seine Mutter reichte ihm frische Leibwäsche durch die Abtrennung. Nachdem er sich leidlich angezogen hatte, verschwand er in sein Zimmer.

Er schloss die Tür, ging zu seinem Schreibtisch unter dem Fenster und warf einen nervösen Blick auf die Straße. Rechterhand des Nachbarhauses erstreckten sich nach südlicher Richtung die Äcker bis zum Horizont, dazwischen leuchteten Weizenfelder im aufkommenden Sonnenlicht. Von allen Seiten kamen Taglöhner des Weges. Antoine setzte sich, öffnete das Tintenfass und griff zur Feder. Er korrigierte, strich durch und setzte den endgültigen Titel seines Dramas fest. Organt sollte es heißen. Die Anlehnung an Voltaires «Pucelle» war nicht ganz zufällig, doch tatsächlich inspirierten ihn in letzter Zeit Louises schimmernde Brüste, ihre weiße Haut und ihr beglücktes Gesicht. Er schrieb: Ihr Busen, feucht von den Tränen der Begierde, stieß Seufzer der Lust hinaus, Arme und Beine öffneten ihre Schwingen und empfingen ihn … Seine Feder trieb über das Blatt, die Tinte floss. Er war wie besessen.

*

Sie liebten sich im Morgengrauen. Den ganzen Sommer über. Sie lasen die Zeit am Ziffernblatt ihrer Liebe ab, im Licht ihrer Lust und ihres Glücks, zusammenzusein, im Schatten des Abschieds, der immer näher rückte. Manchmal, nachdem sie sich geliebt hatten, sprang Louise auf, zupfte ihre Kleider in Form und tanzte unterm Himmel im ersten Sonnenlicht. Tanzte und tanzte bis sie schwindelig ins Gras sank.
Anfang September fielen die Temperaturen. Ein kühler Wind trieb Nieselregen über den Hügel und hinderte Louise daran, noch schneller zu laufen. Diesmal hatte sie sich verspätet. Außer Atem keuchte sie zur Turmruine. In den letzten Tagen waren Dinge passiert, die sie sehr beunruhigten. Ihre, üblicherweise gleichgültige, Mutter hatte sie mehrmals in ihren Tuchladen gelockt, um sie auszuhorchen. Was will sie wissen? Warum will sie es wissen? Diese Fragen bohrten in der jungen Frau und gleichzeitig bedrückte sie der Gedanke, von Antoine Abschied nehmen zu müssen. «Nur für einige Wochen», hatte er gesagt. «Bis Weihnachten ist es nicht lange. Danach bin ich im Frühjahr wieder bei dir, dann im Sommer. Jedesmal wird es schöner und gekrönt wird unsere Liebe durch die Hochzeit. Denk daran», sagte er. Louise zweifelte. Wie ein Tier spürte sie die Bedrohung ihrer Liebe zu Antoine. Besonders jetzt nachdem ihr Vater diesen schrecklichen Satz ausgesprochen hatte: «Du bist auffallend hübsch, mein Kind. Ich werde dich gut verheiraten können.» Niemals zuvor hatte der Vater sie mit dieser Bestimmtheit gemustert, die keinen Widerspruch zuließ. Über sein Verhalten verwirrt, hatte sie sich trotz inneren Widerstandes dazu durchgerungen, der Mutter zu sagen, dass man sie nicht zu verheiraten brauche, weil sie ihre Wahl schon getroffen habe. Das ganze Dorf wisse es. «Ich weiß nichts von deiner Wahl, liebes Kind!», war die lapidare Antwort der Mutter gewesen. Und hochmütig hatte sie hinzugefügt: «Wovon das Dorf spricht ist ebenso belanglos wie das, wozu du dich entschieden hast.»
Die Sätze hatten Louise in Panik versetzt .Angstvoll schnaufte sie den Feldweg entlang und rannte durch das Waldstück bis zum Pfad, der zur Turmruine führte. Ihre Schuhe versanken in der feuchten Erde, der Saum ihres Kleides schleifte im Dreck und ihr Umhang wurde von den dornigen Ästen der Wacholderbüsche zerrissen. Die nasse Luft brannte wie Feuer in ihren Lungen, als sie endlich ankam. Antoine war nicht da. Sie hastete zur Lichtung zurück und suchte nach Mésange. Kein Pferd weit und breit, was durchaus verständlich war, da der Regen heftiger niederging. Ohne zu verschnaufen rannte sie wieder hinauf, ging in den Turm hinein und rief nach ihm, obwohl sie wusste, dass er dort nicht sein konnte, weil sie ihn in dem begrenzten Raum hätte sehen müssen. Dabei hämmerten die Sätze der Eltern in ihrem Kopf. Betäubt lief sie zum Weg zurück, irrte hin und her, starrte in den grauen dunstigen Morgen. «Er kommt nicht! Er kommt nicht. Er weiß, dass wir uns trennen müssen. Ich sehe ihn nie wieder!», flüsterte sie fast wahnsinnig vor Angst. In diesem Zustand verbrachte sie vielleicht zehn Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen. Zögernd lichteten sich die Morgennebel. Da endlich durchbrach das Getrappel von Pferdehufen die Stille. Er kam mit der Stute. Am ganzen Leib zitternd, sprang Louise ihm entgegen, wartete, dass er abstieg und kroch dann schutzsuchend in seinen Arm. Er zog sie fest an sich.
«Das nächste Mal treffen wir uns nicht mehr heimlich. Wir schlafen im Frühjahr in einem Federbett. Hörst du? Frei von Angst.»
«Nichts wünsch ich mir mehr, wenn nur meine Eltern … , mein Vater … »
«Dein Vater wird sich noch wundern, wozu ich fähig bin.»
«Ich hoffe, es wird alles gut gehen. Ich höre nicht auf, darum zu beten.» Eng umschlungen eilten sie in den Schutz des Turms. Der Regen fiel anhaltend und dicht. Antoine zog die Jacke aus und machte es sich auf dem Moosbeet bequem. Er streckte Louise die Hand hin:
«Komm, Geliebte.» Sie legte sich zu ihm. «Wir brauchen deinen Vater nicht zu fürchten.» Er sah Louise glühend an. «In einem Jahr habe ich meinen Abschluss des Kollegiums in Soissons. Daran schließe ich einige Semester Jura, werde ein gefürchteter Anwalt und verhelfe in Blérancourt jedem betrogenen Bauern zu seinem Recht. Hier wird an allen Ecken und Enden geschachert und intrigiert. Die Gutsherren nehmen die Bauern aus wie Gänse. Ganz zu schweigen vom Rest der Menschheit.»
Voller Bewunderung hing Louise an seinen Lippen.
«Ich glaube an dich. Die Grundherren sind manchmal schrecklich. Sie erlauben sich alles. Sie schlagen den Koch lahm, wenn ihm der Braten missrät, bringen den Knecht für den Diebstahl eines Apfels ins Zuchthaus und manchen Pächter, der nicht pariert, an den Galgen.»
«Die Feudalrechte sind die Wurzel allen Übels. Die gnädigen Herren, der Herr Pfarrer und der König, haben das Recht, uns brutal zu strafen. Und dann dürfen wir für diese Sippe noch in den Krieg ziehen und uns abschlachten lassen. Das ist ungerecht. Rousseau schreibt es. Voltaire schreibt es. Alle großen Geister sagen es!»,schnaubte Antoine.
«Vielleicht musst du mehr als nur Anwalt sein, Liebster.»
«Du hast Recht, Louise! Die Worte müssen zu Taten werden. Dann werden die Tyrannen fallen. Ich habe es in ‹Organt› niedergeschrieben. Höre diesen Dialog aus meinem Werk: Monsieur D sagt zum Autor: «Sie untergraben die königliche Autorität.» Der Autor antwortet: «Ich liebe die Könige, aber ich hasse die Tyrannen.» Monsieur D. sagt: «Sie treten die heiligsten Einrichtungen mit Füßen.» Der Autor antwortet: «Eure Einrichtungen sind heruntergekommen, sie sind nicht mehr heilig sondern schändlich.» Monsieur D.: «Sie denken schlecht von den Generalständen. Fürchten Sie nicht …» Der Autor antwortet: «Ich fürchte nichts. Nichts und niemanden.»
«Florelle, liebster Florelle, du weißt so viel und kannst so gut reden», sie strich sein Haar zurück «Aber lass mich jetzt endlich deine Lippen küssen. In ein paar Stunden bist du weit fort und ich kann nur noch von ihnen träumen.» Louise drängte sich an ihn. Lachend schlang Antoine die Arme um sie.